Dienstag, 24. Mai 2016

Vier Jahre Asperger-Verdacht

So lange ist es schon her, dass ich im Frühjahr 2012 in der Freiburger Universitätsklinik der Diagnose „Asperger-Autismus“ verdächtigt wurde. Kurz zuvor war ich 50 Jahre alt geworden.

Ein paar Monate später wurde die Diagnose mir wieder aberkannt und ‚abgemildert‘ in das schöne neuropsychiatrische Wort „Reizfilterstörung“. Auf deutsch: „Hochsensibel“.

"normal people scare me"

Ich war nicht scharf auf das Autisten-Label und die damit verbundene "Behinderung", bin es bis heute nicht.

Meine Psychiaterin unterstützte das: „Asperger-Autistin sind Sie gewiss nicht. Ich kann bei Ihnen zwar durchaus autistische Züge erkennen. Aber das ist angesichts Ihrer schwierigen aktuellen Lebenssituation und der traumatischen Vergangenheit kein Wunder. Wenn es so etwas gibt, dann haben Sie 'reaktiven Autismus'“.

Womit sie sagen wollte, dass all meine autistisch anmutenden Symptome wohl eher zur Hochbegabung, zur damit bei mir einhergehenden extrem hohen Sensibilität in allen Bereichen und zur posttraumatischen Belastungsstörung gehören. Damit hatte sie eine komplett neue Diagnose erfunden. „Reaktiver Autismus“ ist einer der wenigen Ausdrücke, zu denen nicht einmal den Internet-Suchmaschinen etwas einfällt. Ich liebe meine Ärztin für ihre kreative Empathie.

So weit, so gut, so beruhigend – oder auch nicht.

Denn seither hänge ich zwischen allen Stühlen. Fast täglich lese ich Neues zum Thema Asperger. Bin ich‘s – oder bin ich‘s nicht?! Ist das bei mir die weibliche Ausprägung der Störung (mit der für Frauen typischen hohen, aber auch extrem anstrendenden Anpassungsfähigkeit ans 'Normale'),  von der meine durchaus wohlwollende Ärztin nicht genug wusste? Wen soll ich noch dazu befragen? Wer könnte mir Vermutungen bestätigen oder widerlegen?

Die Herren Doktoren der Uniklinik haben mir ihren Diagnose-Verdacht damals jedenfalls nicht plausibel begründen können.

Im Internet finde ich verschiedene Seiten anderer hoch kompetenter, ebenfalls mit dem Asperger-Syndrom lebender Frauen:

Marlies Hübner schrieb neulich in ihrem Blog „robot in a box“, dass sie nach ihrer Diagnose durchaus erleichtert war. Dass es aber trotzdem eine ziemlich lange Zeit dauern kann, bis man diese selbst gut verarbeitet hat und auch die Umwelt angemessen damit umgeht.

Die Schriftstellerin Marion Schreiner berichtet auf ihrer Seite „Denkmomente", wie sie ihr Leben als Asperger-Autistin in den verschiedensten Situationen und Alltagsbereichen empfindet und gestaltet.

Auch das Blog „Aspergerfrauen – Meine Welt ist anders“ von Sabine Kiefner war hoch spannend und berührend authentisch. Leider - und viel zu früh - hat Sabine Kiefner den Planeten bereits verlassen.

Bei allen dreien (und auch bei anderen Berichten von Aspergern – meine Aufzählung hier ist keineswegs vollständig!) erlebe ich immer wieder diese kleinen Aha-Momente: „Ja, genau! So oder so ähnlich geht es mir auch.“ Aber eben nur manchmal. Es deckt sich nicht durchgängig. Bin ich doch Asperger-Autistin? Oder bin ich ‚nur‘ die mimosige Hochbegabte mit multiplen Traumafolgestörungen? Muss ich mich entscheiden zwischen dem einen und dem anderen?

Kann, darf ich ein „Wir-Gefühl“ mit den „Aspies“ entwickeln, ohne mich wirklich zugehörig zu fühlen? Ich bin ratlos und verwirrt. Ein ‚bisschen reaktiv autistisch‘. Geht das?

„Die Magie des Lebens liegt im Dazwischen.“*

Wenn es doch nur wirklich so magisch wäre, wie ich das gerne hätte: Niemals wirklich zu wissen, wo ich hingehöre. Für mich ist dieses 'dazwischen' eher surreal und bodenlos – und unendlich anstrengend.



*
Herzlich Danke ans Jazzblog für diesen wunderbaren Satz!

Kommentare :

  1. Liebe Mo, ich kenne diese Zerrissenheit und aknn Dir gut nachfühlen. Witzigerweise kam ich gestern zum ersten Mal auf den Blog robot in a box und weil mich das Thema auch gerade umtreibt hab ich drei Bücher aus der Bücherei zu dem Thema ergattert, leider handeln alle 3 von extremen Autismus.
    Schön, dass Du eine Ärztin an Deiner Seite hast, bei der Du Dich anscheinend wohl fühlst.
    Oft heißt es ja auch: dass die Aspergersyndrome aufgrund von Traumata entstanden, dazu vielleicht noch eine Disposition zur Hochsensibilität und voila....
    Wichtiger als "wie heißt das was ich habe" ist ja eher "wie komme ich mit der Welt zurecht?"
    Wie sagt Frau Hintze: manche sind Haflinger und manche eben bunte Zebras (also Viel-und Hochbegabte) :-)
    Herzlichste Grüße aus Bayern :-)

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    1. Liebe Luzia,
      es ist wirklich ein spannendes Thema.
      Als Autorin kann ich dir Christine Preißmann empfehlen, vor allem ihr Buch "Überraschend anders: Mädchen & Frauen mit Asperger". Falls du auch Englisch lesen magst: "Twirling Naked in the Streets and No One Noticed: Growing Up With Undiagnosed Autism" von Jeannie Davide-Rivera (habe es als e-Book ...).
      Die gute Ärztin habe ich durch den Umzug leider verloren.
      Zu Frau Heintze habe ich meine eigene Meinung - habe schon des öfteren erlebt, dass sie ganze Texte bei anderen 'abguckt' ohne auf die Quelle hinzuweisen. Ich mag auch ihre Bilder nicht, mag nicht mit Tieren verglichen werden.
      Jede wie sie will :-D
      Ostsee-Grüße zurück (heute neblig)!
      mo.

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    2. Danke für den Tip, sah schon ein paar Bücher dazu (speziell eben Frauen) aber konnt mich noch nicht so recht entscheiden ;)
      Englisch geht leider nicht wirklich...
      Toll das Du eine eigene Meinung hast!! ;)) Hörte letztens ein Interview mit Frau Heintze, Fazit: Sehr unsympathisch. Und das mit ihren Texten wußte ich nicht, las aber auch noch nix von ihr...
      Liebe Grüße

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  2. Es gibt Momente in meinem Leben und manchmal Denkmomente, da bin ich auch ein bisschen Asperger. Vielleicht.
    Ich weiß aber gar nicht, warum man immer in einer Schublade stecken muss. Manchmal hilft es ja sogar. Manchmal aber auch nicht.
    LG
    Sabienes

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    1. Liebe Sabienes, guten Morgen!
      'Ein bisschen Asperger' ist wie 'ein bisschen schwanger'. Das gibt es nicht.
      Wie sind diese 'Momente' bei dir? Ist es ein "ich bin überfordert, zu viele Reize auf einmal, alles zu viel"?
      Ich gehe leider selbst sehr flapsig mit dem 'Etikett' um, aber Asperger ist eine heftige, sehr ernst zu nehmende Diagnose. Asperger-Autisten erhalten einen Schwerbehinderten-Ausweis und haben das Recht auf Unterstützung und Hilfe im Beruf und Alltag.

      Nur ist diese seelische/geistige Behinderung 'nach außen' nicht so deutlich wie ein Down-Syndrom oder eine Gehbehinderung, man blutet ja auch nicht. Außenstehende sind oft der Meinung, man sei faul und müsse sich 'nur ein bisschen anstrengen' - dann wäre alles gut.
      Das ist es aber nicht.

      Was die 'Schublade' angeht: Ich habe die Diagnose damals in 2012 selbst abgelehnt, weil ich den Schock, nun als schwerbehindert zu gelten, nicht verkraften konnte und nicht akzeptieren wollte - auf Fassade dressiert und auf perfektes Funktionieren zugerichtet wie ich nunmal bin. Aber vielleicht trifft es bei mir doch zu? Das autistische Spektrum der Symptome hat eine große Bandbreite, und ich bin seither höchst verunsichert.
      Das hat auch damit zu tun, dass ich nicht weiß, ob die 'offizielle' Hilfe, die mir dann zustünde, für mich wirklich hilfreich wäre - oder nur eine zusätzliche Demütigung on top ...

      Ich werde versuchen, hier immer wieder einmal darüber zu schreiben, was die "Reizfilterstörung" in verschiedenen Situationen mit und aus mir macht.
      Es gibt Overloads, Meltdowns und Selbstverletzungen, die mit der 'kreativen Hochbegabten', die hier sonst schreibt, nicht mehr viel zu tun haben.

      Liebe Grüße
      mo.

      PS:
      Nicht dass du denkst, ich wollte dir deine 'Asperger-Denkmomente' ausreden oder absprechen. Ich wünsche mir nur - auch für mich selbst - einen bewussteren, respektvolleren Umgang mit Krankheitsbezeichnungen in der Alltagssprache. Ein Prozess ...

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  3. Lass Dich nicht unterkriegen! Seit ich offen laut über dieses Thema nachdenke, erfahre ich viel Unterstützung von Menschen aus dem Autismusspektrum. Es geht nämlich offenbar vielen wie uns und der Weg an eine verlässliche (gibt es die?) Diagnose zu kommen ist furchtbar umständlich... Kann jeden verstehen, der den scheut. Man hat ja ohnehin schon meist genug von Ärzten etc. gesehen. Fühl Dich mal gedrückt!

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  4. Vielen Dank, liebe Nette!

    Das gesamte Prozedere (oh diese schrecklichen vielen endlos langen Fragebögen, die ich habe ausfüllen müssen mit privatesten Informationen, zu denen es aber niemals die Möglichkeit von Verständnisfragen geschweige denn eine konkrete Rückmeldung gab) samt Diagnose "Reizfilterstörung im autistischen Spektrum ohne Krankheitswert" (sic!) ist ja bei mir soweit abgeschlossen samt mehrteiligem Gutachten der Asperger-Ambulanz der psychiatrischen Abteilung in der Universitätsklinik - nur hilft sie mir kaum weiter, weil ich seither völlig allein gelassen bin.

    Immerhin kenne ich auch die eine oder andere Ärztin, die "damit" sehr respekt- und rücksichtsvoll und auch empathisch umgeht. Auch das hilft.

    Frauen wie du und andere Menschen mit ihren ehrlichen Texten im Internet helfen mir hingegen noch viel mehr!

    Dafür noch mal danke und freundliches "Gegendrück" (nicht: DRUCK!)

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