Freitag, 30. Dezember 2016

Jahreszitat 2017

Same procedure as every year – seitdem ich im Jahr 2009 mit dem Bloggen begann ...
Spätestens an den kurzen Tagen, in den langen Nächten zwischen den Jahren ist es Zeit, mir für das kommende ein neues Geländer zu geben, eine Richtung, einen Schutz, eine Leitplanke, einen Trost, einen Ansporn – was auch immer mir wichtig scheint, wie auch immer ich es nennen mag: 

Es ist Zeit für mein neues „Jahresmotto“, und dieses Mal wage ich ein großes Paradox!

Warnemünde Westmole - Winterlicht

Die geduldigen Bratkartoffeln in 2016 haben mich nicht sonderlich weitergebracht, aber immerhin dabei geholfen, mich im neuen Leben weiter zu erden; Tag für Tag und Schritt um Schritt mehr anzukommen in einem Land, das zwar zu Deutschland gehört, aber noch längst nicht meine Heimat ist.

Denn, so sehr ich das nahe Wasser auch liebe, trotz alledem fühle ich mich am neuen Ort immer noch unendlich verloren, so gnadenlos ist der Beton, so eiskalt der Nordosten.

Wie zur besseren Bodenhaftung habe ich vier Kilogramm zugenommen in den letzten zwölf Monaten. Das ist nicht weiter tragisch, nachdem ich 2013/2014 mehr als 25 kg abgespeckt hatte. Aber fürs nächste Jahr will ich wieder leichter sein. Ich will fliegen lernen!

Wann immer ich die Kitesurfer sehe an meinem ‚Hausstrand‘ in Warnemünde, denke ich sehnsüchtig: DAS will ich auch können. Es ist beileibe keine Frage des Gewichts, sondern eine von Übung, Mut, Ausdauer und Koordinationsvermögen (nur nachrangig auch eine finanzielle). Noch träume ich von einer SeniorInnenversion des Anfängerkurses 'Drachenreiten für ambitionierte alternde Damen'. Bis es den gibt, habe ich hoffentlich auch das Geld dafür zusammengespart.

Materiell hingegen habe ich mich weiter minimiert, habe mich ein weiteres Jahr lang (nun schon das dritte!) fast täglich von alten Dingen getrennt und damit auch von meinem bisherigen Leben, von meiner Jugend. Ich habe losgelassen und Ballast abgeworfen. Habe bestmöglich Raum geschaffen in dieser Winzwohnung und mir Luft gemacht. Es war immer noch nicht genug, es ist immer noch zu viel altes Zeug da. Diese Aufgabe bleibt mir in 2017 erhalten.

Das merke ich vor allem daran, dass mir das Atmen nicht so recht gelingen will. Ich kriege einfach nicht richtig Luft. Nicht einmal, wenn ich die schöne See sehe. Wie enge Klammern liegt das schwierige schwere Leben um meine Lungen, gerade so wie die eisernen Ketten von Heinrich, dem treuen Diener des verwunschenen Froschkönigs. Das Einatmen stockt und lässt mich husten, beim holprigen Ausatmen breche ich in Tränen aus.

Fliegen lernen allein reicht also nicht. Ich muss fliegen lernen und mich gleichzeitig erden. Ich muss Vertrauen lernen und loslassen trotz aller Panik, einmal mehr in meinem Leben hart aufzuknallen. Mit welch leichtem Leit-Gedanken im Kopf mir das gelingen könnte – darüber habe ich lange gebrütet.

Erst dachte ich, es könnte funktionieren mit ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘ von Douglas Adams. Der ließ Ford Prefect über das Fliegen sagen: „Es ist eine Kunst, oder vielmehr ein Trick zu fliegen. Der Trick besteht darin, dass man lernt, wie man sich auf den Boden schmeißt, aber daneben.“

Für den Anfang und zum Üben aus geringer Höhe ist das vielleicht gar nicht so schlecht. Schlecht ist allerdings, dass der Boden quasi der Feind des Fliegens bleibt. Das kann ich nicht brauchen, denn ich will mich ja gleichzeitig erden!

Doch dann fand ich – quasi in letzter Minute des alten Jahres – noch ein Zitat der von mir so verehrten Hilde Domin:

„Ich setzte den Fuß in die Luft – und sie trug.“

So kann es gehen, mein wagemutiges Paradox! Die Luft selbst soll mein Boden sein, mich neue Schritte wagen lassen und neue Wege möglich machen - ohne dass ich mir gleich den Hals breche.

Ich geh dann schon mal üben. Spätestens Ende des Jahres werde ich darüber berichten, ob und wie mir das gelungen ist.

Euch allen ein erfreuliches, ein gutes Neues Jahr 2017!

Montag, 31. Oktober 2016

Die Teilzeitstelle

- oder: Fachkraft in McPomm -

Heute läuft mein Arbeitsvertrag aus. Ab morgen bin ich wieder vollzeit-erwerbslos.

Seit Anfang August hatte ich diesen Arbeitsplatz in einem kleinen Kunst&Schmuck-Museum im Seebad, zwanzig Stunden Teilzeit an drei bis vier Arbeitstagen die Woche inklusive Wochenenddiensten. Für die Touristen.

Herbstsonne im Seebad
Drei Monate war ich dort, der Vertrag war befristet. Ich war vielsprachige, kompetente und immerfreundliche Verkäuferin, Galeristin, Museumswärterin, Information, Besucherführung, Sicherheitsbeauftragte – alles in Personalunion, immer allein anwesend und für alles verantwortlich. Diese kollegInnenfreie Einsamkeit war für mich schwer auszuhalten.

Bei Vertragsabschluss hatte es die Inaussichtstellung einer Verlängerung gegeben (man wollte mich ködern). Müsse aber erst einmal abwarten, wie das Geschäft so läuft. Ich stimmte den nicht gerade arbeitnehmerfreundlichen Konditionen zu. Vorerst. 

Die Verlängerung ergab sich nicht. Zu wenig Umsatz. Da rechnet sich das Personal nicht. Über den Winter bis mindestens Ende März bin ich freigestellt. Ob ich dann wieder dabei sein soll oder will, ist fraglich.

Also darf vorerst das Jobcenter wieder in vollem Umfang für mich sorgen. Das finde ich zum Kotzen. Aber ich finde hier einfach nix! Nicht, dass diese halbe Stelle mich zumindest kurzzeitig ganz vom Jobcenter befreit hätte, ich musste sowieso ‚aufstocken‘.

Das Gehalt lag knapp über dem Mindestlohn (Mindestlohn aktuell 8,50 €/h, ab 01.01.2017 8,84 €/h). Das bedeutet: Im Jahr 2016 erhalte ich für die Arbeitsstunde einen Bruchteil dessen, was ich vor gut dreißig Jahren, Mitte der 1980er Jahre, als Studentin verdient habe.

Der Mindestlohn wurde 2015 eingeführt für Praktikanten und ungelernte Kräfte oder Tätigkeiten, die keine besonderen Kenntnisse und Ausbildungen erfordern. Dachte ich. Hier und heute in Deuschland (sicher nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern) aber heißt Mindestlohn „Einheitslohn“. Quasi für alle. Egal, ob mit oder ohne Ausbildung, ob Studium oder keines.

Wenn das Gehalt zum Leben nicht reicht, kann man ja ergänzendes Arbeitslosengeld II beantragen. Muss sich dann dafür vom Jobcenter schikanieren lassen, wird dort wie ein Mensch letzter Klasse behandelt. Würdelos. Demütigend.

Warum müssen eigentlich nicht die Arbeitgeber den Zuschuss beantragen, wenn sie so schlecht wirtschaften (bzw. dermaßen viel Gewinn abschöpfen), dass sie ihre Angestellten nicht angemessen entlohnen können?!

„Früher war alles besser!“ – diesen Spruch kann ich mir an dieser Stelle einfach nicht verkneifen. Aber die Zustände auf dem Arbeitsmarkt machen mich wirklich fassungslos.

Von meinen Teilzeitstellen habe ich früher locker leben können. Bin nicht reich geworden, aber für mich alleine – also eine kleine Wohnung, ein kleines Auto, Katzenfutter, mal auswärts essen gehen oder ins Kino, mindestens eine Urlaubsreise jedes Jahr – hat es immer gereicht.

Heutzutage muss ich froh sein, wenn ich für meine Arbeit überhaupt Geld bekomme. Am liebsten hätten mich alle im Ehrenamt und zwar so, dass ich noch draufzahle, dass ich Fahrtkosten und Büroausstattung noch selbst trage. Dann loben alle mein Können und meine Erfahrungen, meine Kenntnisse und Kompetenzen, meine Expertise und die weltgewandten Umgangsformen.

Aber wehe, ich will Geld sehen für meine Arbeit!

Dann wird man abschätzend angesehen wie ein giftgrünes Wesen aus einer feindlichen Galaxie. Geradezu so, als ob es unanständig sei, wenn man darauf angewiesen ist, mit eigener Arbeit sein Geld verdienen zu müssen.

Sobald ich darauf hinweise, dass es nicht kostenlos geht und dass ich erst recht nicht draufzahlen möchte, meldet man sich einfach nicht mehr bei mir. Auch das ist – mit Verlaub – zum Kotzen.

Also muss ich froh sein, wenn ich überhaupt einen Lohn erhalte. Obwohl ich eine Frau und schon über fünfzig bin! Zu höchst unterwürfiger Dankbarkeit aber scheine ich verpflichtet, sobald man mir  ein paar Cent mehr gibt als den Mindestlohn.

Dafür habe ich studiert, war lange im Ausland, spreche fünf Sprachen, bin vielseitig ausgebildet und zertifiziert und in meinen Fähigkeiten breit aufgestellt.

Um überhaupt eine Arbeit zu haben, unterschrieb ich den Vertrag im Kunst&Schmuck-Museum. Immerhin lag mein Arbeitsplatz bei schönem Wetter in Fahrradentfernung und nicht weit weg vom Meer. Ich hatte also ein klitzebisschen Wellness im Arbeitsalltag. Und: es hätte ja auch der Beginn von etwas Längerfristigem werden können.

Wurde es aber nicht. Ehrlich gesagt, bin ich da nicht traurig drum. Der Arbeitgeber hat nämlich nicht nur an meinem Gehalt gespart, sondern auch an der Ausstattung.

Den ganzen Tag sitzen? Da brauchen Sie keinen bequemen rückenschonenden Stuhl, da reicht auch ein hölzerner Hocker.

Ein Handtuch auf der Toilette? Sie können sich ja Küchentissue mitbringen.

Ein fürs geneigte Publikum nicht zugänglicher Platz für meine persönlichen Dinge? Ach legen Sie Ihre Tasche doch einfach hinten in irgendeine Ecke auf den Boden.

Einen Haken für die Jacke? Die kann ja zusammengeknüllt oben auf die Tasche …

Eine Kaffeemaschine? Wozu – die Bäckerei ist gegenüber!

Nach einem Kühlschrank habe ich gar nicht erst gefragt, geschweige denn einem Pausenraum, einer Mikrowelle … nicht mal ein bisschen Geschirr und Besteck waren vorhanden. Irgendwann habe ich sogar eigenes Toilettenpapier mitgebracht.

Ein Telefon für die täglichen Rücksprachen mit dem Chef, für Kundengespräche und die allgemeine Erreichbarkeit? Da können Sie doch Ihr Handy nehmen!

Einen Ventilator für die heißen Sommertage im August und September, wenn die Sonne den ganzen Tag die Ladenfront bescheint und man schwitzend im aufgeheizten Schaufenster sitzt? Ich habe nicht einmal gewagt, das anzusprechen.

Ab Oktober bei Außentemperaturen unter 10 °C die Heizung aufdrehen? Kommt gar nicht in Frage! Machen Sie die Türe zu, dann müssen Sie nicht frieren. Es sind genug Lampen an.

Also saß ich ein Vierteljahr lang auf hartem Hocker, im Sommer geblendet und den kalten Oktober über in ungeheizten Räumen. Mit Wollpullover, Strickjacke und Daunenweste. Jede Tasse Kaffee 2,50 €. Vom Mindestlohn blieb nicht viel übrig. Mein Konto ist in diesen Monaten im Dispokredit versunken.

Nun bin ich erst einmal wieder zu Hause und versuche, den Weg zurück in meine Mitte und einen besseren Arbeitsplatz zu finden.

Man soll ja nicht fünf Minuten vor der Morgendämmerung die Hoffnung aufgeben, dass die Nacht mal irgendwann ein Ende hat.

Samstag, 2. Juli 2016

Vaters Tod

Der Vater starb im November, am Volkstrauertag. Das war seine Art von Humor. Drunter hätte er es nicht getan.

Die Benachrichtigungs-Mail an mich am Tag darauf war kürzer als ein Tweet:
Betreff: Zur Info
Hallo mo jour,
gestern ist der Vater gestorben.
Ich weiß nicht, ob Du's wissen willst.
Schwester

Kurz und knapp. Kein wann, kein wo, kein wie. So ist das halt in unserer kranken, kaputten Familie.

Woran war er gestorben? War er krank gewesen? Hatte er lange leiden müssen? Warum hatten sie mich nicht vorher informiert, dass es zu Ende ging? Hatte er mich denn wirklich gar nicht mehr sehen wollen?

Mit der Schwester habe ich seit mehr als zehn Jahren keinen Kontakt, den Vater seit mehr als vier Jahren nicht gesehen. Auf meinen letzten Brief hatte er nie reagiert. Nun war er tot. Natürlich wollte ich das wissen.

Die Nachricht erreichte mich am anderen Ende des Kontinents, mein erster Urlaub seit Jahren, vierzehn unbeschwerte, sonnig warme Tage am südöstlichen Mittelmeer in der Türkei hatten es werden sollen.

Gedenkstein für den Vater
Ich war eher genervt als überrascht. Menschen sterben nun mal irgendwann. Der Vater war 83 Jahre alt geworden. Ein gesegnetes Alter. Nun hatte er den Planeten verlassen. Aber musste das ausgerechnet jetzt sein? Das war nicht der erste Urlaub, den er mir verdorben hatte, jetzt auch noch einen im Abgang.

Die Sonne schien unverändert. Das Meer war unverändert blau. Mein Urlaub … ging einfach weiter.

Meine Trauer um den alten Mann war nicht sonderlich groß. Ich hatte ihn nie gemocht. Als Kind hatte ich Angst vor ihm, vor seiner mich überfordernden Gleichgültigkeit, vor seiner schmerzhaft sarkastischen Ironie.

Er wollte niemals wissen, wer ich wirklich war oder geworden bin, sondern hat mich – wie auch die Mutter – immer nur abgeglichen mit seiner Schablone von der bestmöglichen Idealtochter. Schließlich war ich ein „Wunschkind“ - also hatte ich dem Wunschbild gefälligst zu entsprechen. Leider war ich niemals gut genug.

Ich rächte mich auf meine Weise: Wenn ich ihm als Tochter nicht gut genug war, dann war eben auch er als Vater für mich ungenügend. Ich verwandelte meine Angst vor ihm in widerwilligen Ekel, später in Hass. In meinen Augen war er ein furzender Fettsack, übergriffig und peinlich.

Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn als „gute Tochter“ hätte ich ihn ja lieben können müssen. Es ging nicht. Im Fach „Vaterliebe“ versagte ich kläglich.

Dabei waren wir uns wohl ziemlich ähnlich. Man hatte mich schon als kleines Mädchen zur „Vatertochter“ erklärt. Jedes Mal, wenn die Mutter das zu mir sagte, hasste ich den Vater noch ein Stück mehr. Er war Schuld, dass ich keine Mutter hatte. Denn aufgrund meiner – zunächst äußerlich erkennbaren – Ähnlichkeit mit dem Vater schien sie sich für mich nicht mehr zuständig zu fühlen, wandte sich lieber der jüngeren Schwester zu, die mehr ‚ihr Ebenbild‘ war.

Meine Ähnlichkeit zum Vater war nicht nur äußerlich. Vermutlich habe ich seinen Genen nicht nur mein blitzgescheites Hochleistungshirn zu verdanken, sondern auch sämtliche „autistischen“ Züge, diese entsetzliche Empfindsamkeit, das lästig schnelle Verletzt- und Gekränktsein. Wir haben nie darüber gesprochen. Damals wusste ich das noch nicht, und der Vater hatte vermutlich selbst keine Ahnung, was er da an der Backe und mir vererbt hatte.

Er war Kriegskind und Kriegsenkel, beides zugleich. Auch was es damit auf sich hat, lernte ich selbst erst vor kurzem. Seine Stukas zerbomben meine Alpträume bis heute.

Wir haben die ersten achtzehn Jahre meines Lebens in derselben Wohnung verbracht, aber wir kannten uns nicht.

Als mich die Nachricht von seinem Tod erreicht, im Urlaub am Meer, nach dem Abendessen, bin ich dennoch sehr traurig und verwirrt.

Die Tränen rinnen mir pausenlos übers Gesicht. Dabei trauere ich gar nicht so sehr um den Vater – er war ja schon seit Jahrzehnten nicht mehr in meinem Leben. Ich trauere bis heute über die verpasste Gelegenheit: Endgültig die Chance vertan, vielleicht doch noch einmal einen Menschen in meinem Leben zu haben, der die Bezeichnung „Vater“ auch nur ansatzweise verdient hätte. Endgültig nun die Gewissheit, dass das niemals gut werden wird mit uns. Dabei hatte ich es so oft versucht und mir immer wieder aufs neue Mühe gegeben. Vergeblich. Er wohl auch, vermutlich, auf seine unbeholfene Art. Ebenso vergeblich. Wir fanden nicht zueinander.

Ich trauere um mich, um das nicht gesehene Mädchen, das sich immer und immer im Leben so verlassen, so hoffnungslos verloren fühlt, ein emotionales Waisenkind von Anfang an. Selbst jetzt noch, mit halbe Hundert plus – und keine Rettung in Sicht.

Es kam nicht in Frage, dass ich meinen Urlaub abbrach. Jetzt war sowieso nichts mehr zu retten. Aber eine Abschiedszeremonie musste her, irgendwie musste ich meinen Schmerz verknuspern, wenn ich die restlichen Tage meiner Reise noch ansatzweise genießen und Kraft für meinen deutsch-anstrengenden Alltag sammeln wollte.

Also machte ich eine Pilgerfahrt mit dem Bus nach Side zum großen Heiligtum, zum Tempel des Apollon, Gott der Heilung und des Lichts. Einen kreisrunden Kieselstein hatte ich gefunden, ganz gleichmäßig und von schönem Silbergrau: handtellergroß wie ein Hamburger, porös war er wie ein Bims und fühlte sich ganz weich an.

Ich wusste, dass auch der Vater in der antiken Hafenstadt gewesen war, den Tempel kannte und den Ort direkt am Wasser mit der schönen Aussicht ins grenzenlose Blau sicher gemocht hatte.

Ein guter Platz in meinen Augen, an dem ich all meinen Schmerz lassen und loslassen konnte: Der löcherige Gedankenstein würde all meine Tränen aufsaugen wie ein Schwamm, ganz egal wo ich war, von woher auch immer ich ihm meinen Kummer sandte.

Den Vaterstein legte ich – geschmückt mit einem ‚blauen Auge‘ gegen den bösen Blick und einem roten Bougainvilleenzweig – Apollon zu Füßen auf eine der Portalsäulen.

Dort ließ ich meinen Vaterschmerz, dorthin denke ich ihn bis heute, wenn mir die Tränen wieder einmal hochkommen.

Gleich neben Apollon stand der größere Temple für Athene. Zu der ging ich hinüber nach meiner kleinen Abschiedszeremonie, brachte ihr eine duftende Rose – und wir palaverten von Frau zu Frau wie das so ist, mit den Vätern, dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

Zur Stärkung der Mitte gab es frischen Pflaumenkuchen mit Buttercreme im Kaffeehaus am Fluss.

Es war sehr still, sehr friedlich und sehr gelassen in mir, als ich mich erschöpft auf den Rückweg machte.

Das war bei weitem nicht meine erste Schattenarbeit, und ich bin noch lange nicht fertig.

Donnerstag, 9. Juni 2016

Weltmusik für die Fussball-EM 2016

Als frühere Mitarbeiterin verschiedener Weltmusikredaktionen nehme ich die UEFA Fußball Europameisterschaft 2016 in Frankreich zum Anlass, in die Archive zu steigen und die Spiele des Tages jeweils mit passender Musik zu begleiten - bis zum Finale am Sonntag, 10. Juli 2016.

Ab morgen geht's los. Möge die beste Mannschaft gewinnen, möge die Fussball-EM 2016 in Frankreich geprägt sein von Fairness & Frieden. Das soll es dann aber auch schon gewesen sein, was von meiner Seite aus zum Fussball zu sagen ist. Meine Welt ist die Musik:

Hier schon mal als Ouverture die französische Nationalhymne - La Marseillaise - in meiner persönlichen Lieblingsversion. Wie ein Wettstreit der Nationen seinen musikalischen Ausdruck finden könnte, wurde bereits 1942 im Kinofilm "Casablanca" ganz anschaulich dargestellt. Da gab es echt was auf die Ohren!



An jedem Spieltag der EM 2016 präsentiere ich dem geneigten Publikum Musik-Tipps passend zum Spiel, zum Land, zu den Spielern, zur Geschichte - mal neue, mal klassische, mal traditionelle Musik, möglichst abseits der Mainstream-Routen.

Bekanntes wiederhören - auch in unerwarteter Weise, Neues entdecken: Ich hoffe, es ist für viele von Euch etwas dabei. Bei gleicher Qualifikation wird die Musik von Frauen bevorzugt. Ich bin absolut parteiisch!

Das Ganze findet statt auf der Facebook-Seite des Büro für besondere Maßnahmen und ist garantiert (fast) fußballfrei.

Schaut doch mal rüber! Abonniert die Facebook-Seite oder 'folk'ed über twitter @mo_jour ... Ich freue mich über jeden Besuch und danke für Euer Interesse.

Schönste Sommergrüße aus der temporären Musikredaktion für besondere Maßnahmen!


ps.
Diesen Hinweis poste ich hier nur einmal - die Musiktipps findet Ihr "aus organisatorischen Gründen" ausschließlich auf Facebook).

Dienstag, 24. Mai 2016

Vier Jahre Asperger-Verdacht

So lange ist es schon her, dass ich im Frühjahr 2012 in der Freiburger Universitätsklinik der Diagnose „Asperger-Autismus“ verdächtigt wurde. Kurz zuvor war ich 50 Jahre alt geworden.

Ein paar Monate später wurde die Diagnose mir wieder aberkannt und ‚abgemildert‘ in das schöne neuropsychiatrische Wort „Reizfilterstörung“. Auf deutsch: „Hochsensibel“.

"normal people scare me"

Ich war nicht scharf auf das Autisten-Label und die damit verbundene "Behinderung", bin es bis heute nicht.

Meine Psychiaterin unterstützte das: „Asperger-Autistin sind Sie gewiss nicht. Ich kann bei Ihnen zwar durchaus autistische Züge erkennen. Aber das ist angesichts Ihrer schwierigen aktuellen Lebenssituation und der traumatischen Vergangenheit kein Wunder. Wenn es so etwas gibt, dann haben Sie 'reaktiven Autismus'“.

Womit sie sagen wollte, dass all meine autistisch anmutenden Symptome wohl eher zur Hochbegabung, zur damit bei mir einhergehenden extrem hohen Sensibilität in allen Bereichen und zur posttraumatischen Belastungsstörung gehören. Damit hatte sie eine komplett neue Diagnose erfunden. „Reaktiver Autismus“ ist einer der wenigen Ausdrücke, zu denen nicht einmal den Internet-Suchmaschinen etwas einfällt. Ich liebe meine Ärztin für ihre kreative Empathie.

So weit, so gut, so beruhigend – oder auch nicht.

Denn seither hänge ich zwischen allen Stühlen. Fast täglich lese ich Neues zum Thema Asperger. Bin ich‘s – oder bin ich‘s nicht?! Ist das bei mir die weibliche Ausprägung der Störung (mit der für Frauen typischen hohen, aber auch extrem anstrendenden Anpassungsfähigkeit ans 'Normale'),  von der meine durchaus wohlwollende Ärztin nicht genug wusste? Wen soll ich noch dazu befragen? Wer könnte mir Vermutungen bestätigen oder widerlegen?

Die Herren Doktoren der Uniklinik haben mir ihren Diagnose-Verdacht damals jedenfalls nicht plausibel begründen können.

Im Internet finde ich verschiedene Seiten anderer hoch kompetenter, ebenfalls mit dem Asperger-Syndrom lebender Frauen:

Marlies Hübner schrieb neulich in ihrem Blog „robot in a box“, dass sie nach ihrer Diagnose durchaus erleichtert war. Dass es aber trotzdem eine ziemlich lange Zeit dauern kann, bis man diese selbst gut verarbeitet hat und auch die Umwelt angemessen damit umgeht.

Die Schriftstellerin Marion Schreiner berichtet auf ihrer Seite „Denkmomente", wie sie ihr Leben als Asperger-Autistin in den verschiedensten Situationen und Alltagsbereichen empfindet und gestaltet.

Auch das Blog „Aspergerfrauen – Meine Welt ist anders“ von Sabine Kiefner war hoch spannend und berührend authentisch. Leider - und viel zu früh - hat Sabine Kiefner den Planeten bereits verlassen.

Bei allen dreien (und auch bei anderen Berichten von Aspergern – meine Aufzählung hier ist keineswegs vollständig!) erlebe ich immer wieder diese kleinen Aha-Momente: „Ja, genau! So oder so ähnlich geht es mir auch.“ Aber eben nur manchmal. Es deckt sich nicht durchgängig. Bin ich doch Asperger-Autistin? Oder bin ich ‚nur‘ die mimosige Hochbegabte mit multiplen Traumafolgestörungen? Muss ich mich entscheiden zwischen dem einen und dem anderen?

Kann, darf ich ein „Wir-Gefühl“ mit den „Aspies“ entwickeln, ohne mich wirklich zugehörig zu fühlen? Ich bin ratlos und verwirrt. Ein ‚bisschen reaktiv autistisch‘. Geht das?

„Die Magie des Lebens liegt im Dazwischen.“*

Wenn es doch nur wirklich so magisch wäre, wie ich das gerne hätte: Niemals wirklich zu wissen, wo ich hingehöre. Für mich ist dieses 'dazwischen' eher surreal und bodenlos – und unendlich anstrengend.



*
Herzlich Danke ans Jazzblog für diesen wunderbaren Satz!

Montag, 2. Mai 2016

Adressat unbekannt - Lesefreude 2016 verschenkt

Am 23. April 2016, dem "Welttag des Buches und des Urheberrechts" habe ich mich an der Aktion "Blogger schenken Lesefreude" beteiligt und das Buch "Adressat unbekannt" von Kathrine Kressmann Taylor zur Verlosung ausgeschrieben.

Kommentieren ging auch bei Facebook

Elf Leserinnen haben sich beteiligt und gültige Kommentare hinterlassen (zehn hier und eine auf Facebook). Die Gewinnerin habe ich mit HIlfe von random.org ermittelt.

... und gewonnen hat ...


Liebe Anna, herzlichen Glückwunsch! Bitte teile mir deine Anschrift mit, dann geht das Buch alsbald auf die Reise.

Dir und allen anderen vielen Dank fürs Mitmachen und für Eure Anregungen! Ich freue mich, wenn Ihr auch in Zukunft ab und zu mal vorbeischaut hier im Büro für besondere Maßnahmen. Es gibt zwar nicht jedes Mal etwas zu gewinnen, aber immer wieder etwas Neues zu entdecken.


PS @lle:
Wer in den Kommentaren unter der Verlosung ihren Namen oder eine E-Mail im Klartext hinterlassen hat und nicht möchte, dass das dort noch länger steht, darf sich gerne an mich wenden, und ich nehme die persönlichen Daten bzw. den Kommentar raus. Versprochen!

Samstag, 23. April 2016

Adressat unbekannt

Welttag des Buches am 23. April
- Blogger schenken Lesefreude -
Buchverlosung!

Ungefähr heute vor vierhundert Jahren starb William Shakespeare. Dieser literarische Trauertag wurde 1995 von der UNESCO zum Welttag des Buches und des Urheberrechts erklärt.

Sonntag, 6. März 2016

Barbara

- Auf dem Hexenbesen durch das Musikerinnen-Alphabet! -

Weiter geht es heute mit dem schönen runden Buchstaben B:

Dieser Sonntag ist nasskalt und deutschgrau, da will keiner vor die Tür. Wir betrachten alte Fotografien in schwarzweiß und Videos mit Menschen, die unser Leben längst verlassen haben.

Dazu perlt die Musik von Barbara durch den Raum, auch ihr Video ist schwarzweiß, aus dem Jahr 1962 - und auch sie ist nicht mehr da und doch jede Sekunde Zuhörens wert.

 
Barbara - Dis, quand reviendras-tu? (1962)

Die Jüdin Barbara - mit bürgerlichem Namen Monique Serf - wurde 1930 im Elsass geboren, musste in den 40er Jahren vor den Nazis fliehen, besuchte nach dem Krieg das Pariser Konservatorium, studierte klassischen Gesang und Klavier.

In den 50er Jahren sang sie Lieder von Edith Piaf, Juliette Greco, Georges Moustaki, Jacques Brel und Georges Brassens, mit denen sie befreundet war. Sie schrieb und sang eigene Lieder; 1957 produzierte sie die erste eigene Single, es folgten elf Alben bis zu ihrem Tod im Jahr 1997.

In Deutschland berühmt wurde Barbara Mitte der 60er Jahre, unter anderem mit dem Lied "Göttingen" über die deutsch-französische Versöhnung nach dem Krieg.

Der Hamburger Klaus Knust hat Barbara eine wunderbare Biographie-Seite gewidmet.


Mittwoch, 17. Februar 2016

Der Parkplatz

Ein rundes Jahr bin ich nun schon hier im großen Betonhaus und kenne immer noch nicht alle Nachbarn. Klar habe ich anfangs mal eine Runde gedreht, geklingelt und – wenn überhaupt jemand geöffnet hat – mich vorgestellt. Auch, wenn ich neuen Gesichtern im Treppenhaus begegnet bin, habe ich freundlich gegrüßt und kurz erklärt, wo ich hingehöre.

Immer ausreichend Parkplatz

Dabei habe ich festgestellt: Es gibt solche und solche. Wie überall. Ich habe wunderbare freundliche hilfsbereite griesgrämige herzliche müde neugierige menschliche Menschen um mich herum. Eine Zufallsgemeinschaft, in der kleine, wohlwollende Alltagsplaudereien entstehen. Das freut mich sehr. Es hilft mir dabei, Boden unter die Füße zu kriegen, mein Herz zu erden und die Antennen neu auszurichten.

Keine dicken Freundschaften dabei bislang, aber auch niemand wirklich Garstiges. Dachte ich erfreut. Bis neulich im Januar, als so lange Schnee lag.

Vor dem Haus gibt es hier viele viele Parkplätze. Mehr als genug, könnte man meinen. Die Parkplätze können bei der Wohnungsgesellschaft einzeln gemietet werden für kleines Geld: Für das eigene Auto, für den Zweitwagen und für wenn mal Besuch kommt. Direkt vor dem Haus an der Straße ist strenges Halteverbot.

Die Parkplätze sind nicht öffentlich und die Zufahrt wird durch eine Schranke geschützt. Um hineinfahren zu können, braucht man eine Chipkarte.

Als ich an diesem frühen Abend im Januar von der Arbeit nach Hause kam, es war schon dunkel draußen, begegnete mir einer der Nachbarn im Treppenhaus. Er kam heruntergestürmt, strahlte mich triumphierend an „Ich habe da draußen noch was zu erledigen!“ und wedelte mit Vertragspapieren. Nanu? Ja, da stehe jemand auf seinem Parkplatz, das gehe doch nicht. Er habe den Abschleppdienst bestellt.

Ja, das geht wohl wirklich nicht. Dass man etwas mietet, Geld dafür bezahlt und dann wird es von jemand anderem benutzt. 

Von meiner Wohnung aus konnte ich beobachten, wie der Abschleppwagen den bösen Falschparker hinfort hievte. Es war nur ein Kleinwagen, der nicht nach reichen Eigentümern aussah, und war schnell geschehen. Fremdes Auto weg, wild blinkender Abschleppwagen weg, Parkplatz wieder frei für den wahren Besitzer.

Als ich eine gute Stunde später wieder mal kurz am Fenster stand und die Katze kraulte (die das Geschehen da draußen von der Fensterbank aus kontinuierlicher im Blick hat als ich), sah ich eine kleine zierliche Frau wohl ziemlich ratlos auf dem Parkplatz auf und ab laufen und vor einer freien Parklücke stehen, auf der IHR Auto nicht mehr stand. 

Der Schnee auf diesem einen Parkplatz war noch unberührt wie frisch gefallen. Die Stelle sah nicht danach aus, als ob der Platz in den letzten vierzehn Tagen überhaupt genutzt worden sei. Geschweige denn ließ er ein eben erst vollzogenes Abschleppdrama erahnen.

Wie sie die Schranke passiert hat, weiß ich nicht. Aber die Dame hatte sich bei der Auswahl ihres Besucherparkplatzes wohl offensichtlich Gedanken gemacht und einen ausgewählt, der unbenutzt und unvermietet aussah. Weder waren Reifenspuren im Schnee noch war die Stelle vom Eis befreit wie bei anderen Stellplätzen, denen man die regelmäßige Nutzung deutlich ansah – auch wenn aktuell gerade kein Wagen dort parkte.

Aber nun hatte sie die Bescherung. Trotzdem. Suchte ihr Auto, fand es nicht, zweifelte an sich selbst und verzweifelte an der Welt – das Kopfkino kann ich mir lebhaft vorstellen. Am Ende standen sie dort vor dem leeren Parkplatz zu sechst, alle ratlos und kopfschüttelnd mit erleuchteten Smartphones in frierenden Händen.

Da war nicht nur der Abend verdorben, sondern womöglich auch ein dickes finanzielles Loch in ein knappes Budget gerissen.

Ich stand oben, sah ratlos hinunter und fragte mich, warum mein Nachbar so radikal reagiert hatte. Musste er gleich den größtmöglichen energetischen und finanziellen Schaden anrichten? Einfach nur so aus Prinzip, weil er im Recht war? Hätte es ein mehr oder weniger freundlicher Zettel mit einer klaren Ansage als Warnschuss nicht auch getan, damit das nicht wieder vorkommt? Dem Ort des Geschehens war ja anzusehen, dass es sich nicht um eine Wiederholungstäterin handelte, die ihm ständig den eigenen teuer bezahlten Parkplatz besetzte, so dass er nicht wusste, wohin mit der eigenen Limousine.

Oder ist der Nachbar vielleicht selbst der Besitzer (oder Neffe Onkel Schwager Teilhaber) des Abschleppdienstes und nutzte die Chance, um innerfamiliären Umsatz zu generieren?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass – falls ich jemals wieder ein Auto besitzen sollte – ich meinen Parkplatz nicht direkt vor dem Haus mieten werde, sondern lieber ein paar -zig Meter weiter weg. Ich habe nicht vor, der freundlichen Nachbarschaft als rund um die Uhr zu beobachtendes Überwachungsobjekt zu dienen.

Der Nachbar übrigens, der da so auf sein den persönlichen Besitzstand wahrendes Mietrecht gepocht und seinen Parkplatz vom unerwünschten Parasitenparker grob und teuer hat befreien lassen – der hat selbst gar keinen Wagen. Es war das erste Mal in dem Jahr, das ich hier nun schon lebe, dass sein Parkplatz dort unten überhaupt genutzt wurde.

Sonntag, 24. Januar 2016

Angélique Ionatos

- Auf dem Hexenbesen durch das Musikerinnen-Alphabet! -

Wir fangen einfach wieder bei A an:

Die in Frankreich lebende Exilgriechin Angélique Ionatos schreibt und komponiert eigene Stücke, vertont und singt aber auch Gedichte von Sappho, Nobelpreisträger Odysseas Elytis, Frida Kahlo, Mikis Theodorakis u.v.a. 

"Mes soeurs sorcières" (Meine Hexenschwestern) vom aktuellen Album "Reste la lumière" (2015) - ist, wie sie selbst in einem Interview sagt,  eine "...hommage aux femmes courageuses, eine Hommage für die mutigen Frauen, die gleichzeitig Hexen und vergessene Feen sind ... dieses Lied habe ich für die griechischen Frauen geschrieben ...":


(Die Anmod zu "Mes Soeurs Sorcières" beginnt bei 3:37)

Das erste Mal stieß ich auf ihre Musik ungefähr 1992 im Weltmusik-Plattenladen unter den S-Bahnbögen hinterm Savignyplatz in Berlin-Charlottenburg. Dort fand ich die CD 'Sappho de Mytilène', auf der sie gemeinsam mit Nena Venetsanou die Lieder der antiken Dichterin singt. In klassischem Griechisch. So, wie sie sich vorstellt, dass Sappho (sprich: sapfó) die wenigen von ihr erhaltenen Texte gesungen haben könnte.

Den spannenden Plattenladen gibt es schon lange nicht mehr; weiß noch eine, wie der hieß? Der Eingang war von der Knesebeckstraße aus, am Diener Tattersall vorbei. Da landete ich regelmäßig, wenn ich Fernweh hatte, aber kein Geld für ein Ticket. Musik aus fremden Ländern hat mich immer getröstet, mir über den grauen deutschen Alltag hinweg geholfen - und tut es bis heute. Vielleicht kann ich euch ja ein bisschen damit anstecken?

Ich hörte die CD im Laden durch, war hingerissen und nahm sie mit. Angélique Ionatos und ihre Musik ließen mich nicht mehr los, begleiten mich bis heute.

Ende der 1990er Jahre hatte ich das große Glück, diese wunderbare Künstlerin einmal vor einem Konzert in der Berlin Marheinekekirche in einem Interview persönlich kennenzulernen.

Auf meine Frage, was sie sagen würde, wenn sie die Gelegenheit hätte, eine halbe Stunde lang mit Sappho zu sprechen, antwortete sie lachend: "Ich würde sie bitten, dass sie für mich singt."

Unerhört!

Samstag, 16. Januar 2016

Mordende Moderatorin?

- Ein Fundstück -

Neulich feierte die ARD Moderatorin Judith Rakers ihren 40. Geburtstag. Sie ist eine Steinziege, wie ich.

gefunden bei: web.de


Normalerweise guck' ich ja kein Klatsch und Tratsch. Ausnahmsweise habe ich mich aber doch durch die Bildergalerie bei web.de geklickt, weil ich diese vielseitige kompetente Frau sehr mag und weil ich ihr sehr gönne, dass sie mit - ab jetzt - jenseits der 40 noch auf so einem öffentlichen Posten arbeiten und sogar in einem Tatort des NDR sich selbst spielen darf.

Mir wurde nämlich damals in dem Alter gesagt, dass eine Frau mit 40 zum alten Eisen gehört und für gute Jobs nicht mehr brauchbar sei. Was auch irgendwie zu stimmen schien: Schlagartig mit meinem 40. Geburtstag bekam ich auf meine durchaus hochqualifizierten Bewerbungen keinerlei Einladung mehr, und eine meiner Qualifikation entsprechende Stelle hatte ich seither nie wieder gefunden.

Das aber nur am Rande, denn eigentlich geht es mir hier um etwas ganz anderes, nämlich um ein wunderbares Fundstück aus meinem Alltag als 'Korrekturleserin ohne Auftrag':

Laut web.de ist oder war Frau Rakers Fachfrau für mörderische Aktivitäten. Sie hat das allseits bekannte (?!?) "ARD Nachrichtenformat" Mordenmagazin moderiert. So steht es in der Bildunterschrift. Habt Ihr's bemerkt?!

Das "Mordenmagazin" kenne ich zwar noch nicht, aber vielleicht mag mich jemand aufklären. Als bekennende Krimileserin mit inzwischen wirklich professionell inspirierten Mordsphantasien mag ich Frau Rakers ab sofort noch viel mehr, und ich könnte sie mir auf einem solchen Posten auch sehr gut vorstellen: So erschreckend harmlos wie sie wirkt sonst keine!

Freitag, 8. Januar 2016

Jahreszitat 2016

Meine Lebensveränderungen im vergangenen Jahr waren für mich so groß, so fundamental und gewaltig, dass ich unverändert mit Sortieren, Loslassen und Ankommen beschäftigt bin.

Schon ausgepackt? Schon eingelebt?

Schließlich habe ich die Gegend, die ich gerne 'Heimat' genannt hätte, nicht ganz freiwillig verlassen. Den Ort, wo ich hin bin, den habe ich mir dann zwar selbst ausgesucht, weil ich möglichst nah ans Meer wollte – aber fortgezogen aus dem sonnig warmen Südwesten bin ich vor allem, weil es für mich keine bezahlbare Unterkunft mehr gab und ich kurz vor der Obdachlosigkeit stand.

Der katholische Vermieter im spießigen Winzerdorf hatte mich wegen „Eigenbedarf“ vor die Tür gesetzt, und es gab für mich als „Hartz-IV-Aufstockerin“ einfach keine günstige Wohnung, deren Kosten das Jobcenter als 'angemessen' übernommen hätte. Ein weiteres Trauma, das erst noch irgendwie verputzt werden will.

Es war ein unermessliches Glück, dass ich meine jetzige Wohnung überhaupt gefunden habe, dass ich hier einziehen durfte und dass alles alles alles geklappt hat. Es war dazu auch nicht nur Glück notwendig, sondern ebenso viel eigene Arbeit und Unterstützung  von vielen mir wohl wollenden Menschen. 

Für dieses große Glück und die Chance auf einen „Reset", einen Neuanfang nach vielen Jahren unglücklichen und glücklosen Seins im Südwesten – meinem „toten Jahrzehnt" – bin ich unendlich dankbar. Es macht ja auch großen Spaß, all das viele Neue, Unbekannte ... Abenteuer im wilden Osten!

Dennoch:

Der Umzug – mehr als 1000 km quer durch Deutschland von Südwest nach Nordost – hat meinen Alltag radikal verändert: Ich habe mich aus meinem Freundeskreis und Arbeitsumfeld gerissen, habe mich (wieder einmal) selbst entwurzelt und bin am neuen Ort erst einmal unendlich verloren in meiner Einsamkeit. Das lässt sich nicht von heute auf morgen einfach abstellen. Ich lerne zwar schnell neue Menschen kennen, aber ich begegne nur wenigen, die ich wirklich in meinem Leben nah dabei haben will.

Das Ankommen dauert, und es dauert alles viel viel länger als ich anfangs dachte. Innerlich bin ich immer noch so aufgewühlt, dass ich mich kaum äußern kann und mag – und öffentlich schon gleich gar nicht. Ich habe noch lange nicht fertig sortiert, es ist längst nicht alles aufgeräumt.

Dabei bin ich so ein ungeduldiger Mensch, will alles immer sofort und alles immer perfekt erledigt haben, weil mein Leben mich sonst zwickt und zwackt und sich so unerträglich anfühlt wie ein neues, steifes, noch nicht gewaschenes Kleidungsstück.

Ein 'schönes perfektes geselliges erfolgreiches glückliches Leben' kann ich nicht ZACK! so einfach herbeizaubern (bin ja schon froh, wenn ich das mit der Gesundheit so einigermaßen hinkriege). Ich gestehe, ich habe die Radikalität des Wechsels unterschätzt und hatte gehofft, dass es mir leichter fallen würde, mich in der Fremde als "freie Wurzellose/Radikale" einzurichten.

Ankommen, Boden unter die Füße schaffen, vielleicht auch wieder neue Wurzeln schlagen – all das braucht Zeit, braucht Netzwerken, Mut, Neugier, Geld auch. Ich benötige diesmal mehr Zeit als früher, um mich willkommen geheißen, um mich angekommen und heimisch zu fühlen. Damals, bei meinen großen Ortswechseln im Alter von 20, 30, 40 Jahren fiel mir das erheblich leichter als jetzt mit halbe Hundert plus.

All die gut gemeinten freundlichen Nachfragen „Und, hast du dich schon eingelebt?“ beantworte ich mit der ebenso freundlichen, weil erwarteten Erfolgsmeldung „Ja klar! Alles ist gut“, – und meine damit, dass ich die meisten Kartons ausgepackt habe, dass ich weiß wo der nächste Supermarkt ist und der Schuster, dass die Heizung funktioniert und die Katze gesund ist.

Innerlich aber schreie ich „Nein! Wie kannst du das nur fragen?! Ein Leben, mein Leben ist das hier noch lange nicht! - Nun setz' mich doch nicht so unter Druck und lass 'mir die Zeit, die ich brauche! Schau doch hin, wie es mir wirklich geht und womit ich beschäftigt bin! Ich kann doch noch gar nicht „eingelebt“ sein! Das ist ja genau so, wie wenn einer fragt, ob ich das Essen schon fertig habe – obwohl er genau sieht, dass ich noch nicht einmal mit Kartoffelschälen fertig bin.“

Deswegen. Hat es so lange gedauert, bis ich mein aktuelles Jahreszitat küren konnte. Und genau deswegen! Verkünde ich für 2016 das Motto

Geduld macht gute Bratkartoffeln.

Das mag jetzt nach flapsigem Sponti-Spruch und piefigem Bratkartoffelverhältnis klingen. Ist es aber nicht.

Es bedeutet nämlich keineswegs, dass ich die Hände faul und untätig in den Schoß legen kann und will oder dass ich darauf warte, dass andere meine Hausarbeit erledigen. Gute Bratkartoffeln machen sich nicht von alleine.

Ich brauche nicht nur die richtigen Zutaten von bester Qualität, stimmige Voraussetzungen und sorgfältige Vorbereitung. Darum muss ich mich eingehend kümmern: Das Wichtigste sind gute Kartoffeln. Außerdem brauche ich eine Pfanne und einen funktionierenden Herd oder zumindest eine Feuerstelle. Ein scharfes Messer zum Schälen. Als weitere Zutaten brauche ich gutes Öl, das nicht raucht und ein paar Körnchen Salz. Das sind die unverzichtbaren Basics.

Alles andere ist Kür und unterliegt der Wandlung des aktuellen Geschmacks: Pfeffer kann dazu und Petersilie, auch Speck und Zwiebel; vielleicht sogar ein Ei – das ist dann schon Luxus.

Vor allem wollen die Bratkartoffeln aufmerksam beobachtet und zur rechten Zeit gewendet werden, nicht zu früh und nicht zu spät. Das Feuer unter der Pfanne darf nicht zu heiß und nicht zu schwach sein, denn wir mögen unsere Fried Potatoes weder angebrannt noch dürfen sie bleichgesichtig auseinanderfallen.

Zur Geduld gehören also auch blitzwache Achtsamkeit und profunde Kenntnisse des Handwerkszeugs. Sonst werden die Bratkartoffeln keine guten.

Geduld macht gute Bratkartoffeln ...

… bedeutet übrigens nicht, dass es jetzt bei mir nichts anderes mehr zu essen gibt. Es darf auch mal schnell ein feuriges Steak geben, es darf auch mal Fastfood sein oder die geschenkten Früchte aus Nachbars Kleingarten oder auch mal gar nichts.

Alles zu seiner Zeit.

Ich wünsche Euch allen ein gutes Jahr 2016 voll der köstlichsten Überraschungen und dass nicht nur die Bratkartoffel-Projekte gut gelingen – aber die vor allem!