Mittwoch, 14. Oktober 2015

Rostock hilft

Seit Anfang September kommen auch hier im Nordosten der Republik vermehrt flüchtende Menschen aus verschiedenen Ländern an. Sie haben ihre Heimat in Afghanistan-Eritrea-Irak-Syrien-Tschetschenien-Ukraine verlassen, sind geflohen vor Krieg und anderen lebensbedrohlichen Zuständen.

Mehrere Hundert sind es täglich allein in Rostock. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Ankünfte sind nicht vorhersehbar, nichts ist planbar. Viele treffen am Rostocker Hauptbahnhof ein, kommen über Hamburg. Viele von ihnen sind 'nur' auf der Durchreise, möchten weiter nach Skandinavien: Vom Rostocker Überseehafen aus legen Fähren nach Dänemark, Schweden und Finnland ab.

Tor zur Welt:
'Flüchtige' Fähre zwischen den Molen von Warnemünde

Die Flüchtenden-Ankommenden-Weiterreisenden angemessen zu versorgen mit Informationen, Verpflegung, Unterkunft, Kleidung, medizinischer Versorgung, Transport, Fahrkarten und anderen Not-Wendenden Ressourcen ist eine nicht nur logistische Herausforderung, die es in sich hat.

Ungezählte haupt- und ehrenamtliche Helfer*innen sind engagiert dabei, u.a. das Deutsche Rote Kreuz Rostock mit Not- und Transitunterkünften, das Ökohaus Rostock mit den offiziellen Flüchtlingsunterkünften; auch die Stadt Rostock hat (etwas spät, aber doch) Anfang Oktober eigens ein neues 'Amt für Flüchtlingsangelegenheiten und Integration' eingerichtet.

Eine Initiative, die mich besonders fasziniert, ist „Rostock hilft“. Unter dem Motto "Freedom of movement is everybodies right!" werden die geflohenen Frauen, Männer und Kinder schnell und unbürokratisch auf jede nur denkbare Weise unterstützt.

Logo der Hilfsplattform
Rostock hilft

Wie an vielen anderen Orten in Deutschland ist auch 'Rostock hilft' eine lockere Gemeinschaft, ein Schwarm von Helfenden studentischen Ursprungs, der sich über die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter und ein Blog selbst organisiert.

Das Ganze mit einer Geschwindigkeit und Effizienz, die nicht nur mich ehrfurchtsvoll mit den Ohren schlackern und mit großen Augen staunen lässt. JedeR ist eingeladen und willkommen zu helfen. Egal wie alt du bist und egal wo dein Ausweis wohnt: We are one Planet.

'Rostock hilft' bietet nicht nur eine zentrale Telefonnummer für die Koordination aller Hilfsaktivitäten, es gibt zudem planende und vorausschauende Versammlungen, Küchen, ein zentrales Spendensammel-Lager, Übersetzer*innen, Fahrdienste, Demonstrationen, Begleitung der Reisenden auf den Fähren, Konzerte, Empfang und Versorgung am Bahnhof ebenso wie am Fährterminal, Stullenschmieraktionen, Bustransporte, therapeutische Unterstützung für Helfende und und und ... 

Innerhalb kürzester Zeit hatte die Gruppe allein auf Facebook fast 10.000 (in Worten: Zehntausend!) Abonnenten.

Wer helfen und/oder spenden möchte, kann anrufen oder sich eintragen in Schichtpläne im Netz. Wenn es Lücken gibt, unbesetzte Schichten, plötzliche Notwendigkeiten à la „... wir haben genug Kuscheltiere, brauchen aber jetzt dringend Herrenschuhe und Rasierzeug …“ wird das flott und effektiv übers Internet verbreitet.

Irgendwie war es eher Zufall, dass ich dieses Netzwerk fast vom ersten Tag seines Bestehens an in meiner Timeline hatte. Zunächst habe ich Dinge gespendet – und weil ich kein Auto mehr habe, wurden meine großen, mit Decken, Kissen, warmen Jacken, Bettzeug, Medikamenten, Schokolade etc. prall gefüllten Rucksacktaschen flugs von netten jungen Menschen bei mir abgeholt. Innerhalb von nicht mal zwei Stunden. Zack und weg und weiter!

Dann entstand eine Notunterkunft ganz in meiner Nähe. "Wer Zeit hat und helfen möchte, bitte einfach vorbeikommen," hieß es. Ich hatte Zeit und wollte helfen und ging einfach vorbei. Das war Mitte September. Seitdem helfe ich einmal in der Woche, einen halben bis dreiviertel Tag lang: Aufräumen, Kleider sortieren, viel mit den Menschen reden. Ängste nehmen. Das ist nicht viel. Andere machen viel viel mehr. Aber das ist, was ich derzeit und mit längerfristiger Perspektive regelmäßig spenden kann: Meine Zeit, meine Empathie, meine Sprachkenntnisse, meine Erfahrung und Kompetenz im Umgang mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen.

Was anderen hilft, tut auch mir gut.

Zum einen tut es gut, zu sehen, wie viele Menschen voller Hilfsbereitschaft sich in dieser Situation kompetent und engagiert einsetzen und geben, was sie können. Ich erweitere meine eigenen Netzwerke hier in meiner neuen Stadt.

Außerdem befriedigt es meine Neugier und besänftigt diffuse Ängste: Ich wollte und will wissen, wer da zu uns kommt – und ich lerne: 

Da kommt keine Flüchtlingskrise, 
sondern da kommen Menschen. 

Ganz wunderbare Menschen, die viel Schlimmes erlebt haben. Einzelne. Es sind viele auf einmal. Aber so ist das Leben. Es bleibt eine Herausforderung. Immer. Für die, die da kommen genauso wie für uns, die wir schon da sind.

Die angebotenen Hilfen reichen oft nicht aus. Logistisch. Menschlich. Finanziell. Wenn die Reisenden trotz zahlreicher Spenden zum Beispiel keine passenden Schuhe finden und barfuß in Badelatschen auf die Fähre nach Schweden müssen. Wenn es für das Wenige, das sie noch besitzen, noch nicht einmal mehr eine Reisetasche gibt und sie ihre kleine Habe in eine Plastiktüte packen müssen. Wenn es nicht genug Schlafplätze gibt, wenn sie in riesigen Turnhallen dicht an dicht ohne jegliche Privatsphäre übernachten müssen. Wenn es keinen Bus gibt vom Bahnhof zur Fähre oder vom Bahnhof zur Notunterkunft, wenn es dann heißt: Stundenlang warten in der Kälte. Wenn trotz Schichtplänen einfach nicht genug Menschen da sind zum Helfen und manche nach 36 Stunden non-stop-Hilfsdienst selbst zu Hilfesuchenden werden …

Niemand hat DIE Patentlösung. Aber ich spüre in dieser Stadt etwas sehr Wohltuendes: Ganz ganz viele Menschen sind daran interessiert, gute Lösungen zu finden – offiziell und inoffiziell; mit bester Kraft dazu beizutragen und mitzuwirken, dass es für die Newcomers, die Neuankömmlinge hier möglichst gut wird – und sie lassen sich weder behindern noch bremsen von restriktiven Politikern oder einem giftigen Gegenwind von rechts außen.

Das beeindruckt mich sehr.

Mittwoch, 30. September 2015

Neue Aussicht

Wenn eine nicht nur umzieht, sondern mehr als 1000 km fernab der Gegend, die sie gerne 'Heimat' genannt hätte, ganz allein auf sich gestellt ein neues Leben beginnt – ohne Familie, ohne Freunde, ohne Arbeit – dann ist zumindest eines wichtig:

Eine Wohnung, die sicher ist. Die Bedeutung von 'sicher' hat mehrere Facetten.

Zuallerst muss die Wohnung sicher sein in finanzieller Hinsicht. Nicht nur die Miete, auch Heizung, Nebenkosten, Strom und Telefon wollen Monat für Monat bezahlt sein.

Sonnenblumenhaus in herbstlicher Morgensonne

Nach meinen schlimmen Erfahrungen im Südwesten bedeutet 'sicher' für mich auch, dass es niemanden mehr gibt, der mich durch fortgesetztes Mobbing aus der Wohnung rausekeln will, weil ihm plötzlich meine Nase nicht mehr passt. Und auch das Amt sollte keine Gründe mehr haben, mich erneut und über Jahre quälend aus meiner neuen Wohnung raus und in die drohende Obdachlosigkeit zu schikanieren.

Das Thema 'Vermieter' hat sich für mich so sehr erledigt, dass es in diesem neuen Blog erst gar nicht mehr im Titel auftaucht. Ein großes Glück! Meine Wohnung gehört zu einer Genossenschaft, in der ich selbst Mitglied bin. Ich bin hier also ein klitzebisschen gefühlte Miteignerin.

Die Genossenschaft war freundlich genug, mich als Nutzerin zu akzeptieren, obwohl mein eigenes Einkommen derzeit nicht ausreicht und ich ergänzendes Arbeitslosengeld beziehe. Hier im Nordosten wurden die Wohnungen vor gar nicht langer Zeit noch angeboten mit der Überschrift „für Hartz-IV-Empfänger geeignet“.

Eine solche Offenheit wäre im reichen Freiburg unvorstellbar. Ganz im Gegenteil! Einer der Gründe für meinen nicht ganz freiwilligen Umzug vom Südwesten in den Nordosten der Republik war unter anderem, dass es mir trotz jahrelanger Suche nie gelungen ist, eine passende Wohnung zu finden, deren Miete notfalls vom Jobcenter übernommen worden wäre.

Dieser permanente Druck, täglich aufs Neue nach etwas suchen zu müssen, das es einfach nicht gab, diese kafkaeske Situation war entsetzlich schwer auszuhalten und hat mich immer wieder krank gemacht.

In diesen beiden Punkten bin ich in der neuen Wohnung also nun 'sicher'. Nach all den traumatisierenden Jahren des 'Nichtgewolltseins', des 'Vertriebenwerdens' muss ich mich an diesen – für andere Menschen völlig normalen – Zustand erst wieder gewöhnen.

Neulich mal, als ich gerade mit dem Müll in der Hand die Wohnungstüre öffnete, hörte ich weiter unten im Treppenhaus andere Menschen. Reflexartig machte ich die Türe sofort wieder zu. Das Herz schlug mir bis zum Hals, so sehr hatte ich Angst und Panik. Den Vermietern, diesen widerlichen Spießern mit ihren permanenten Beleidigungen, wollte ich auf keinen Fall begegnen müssen!

Erst allmählich wurde mir klar, dass es ja gar keine Vermieter mehr gibt im Haus. Wie alle anderen auch habe ich hier das Recht, unbehelligt im Treppenhaus auf und ab zu gehen. Völlig egal, ob ich dabei den Müll in der Hand halte oder ungeschminkt bin. Es gibt niemanden mehr, der oder die mir Böses will.

Also holte ich tief Luft, startete einen neuen Versuch und brachte meinen Müll in den Container. Das Herzklopfen aber blieb und verschwindet nur allmählich. Ich fürchte, dass diese Angst, überhaupt auch nur die Wohnung zu verlassen, mich noch eine Weile begleiten wird.

Der Müllcontainer ist hier übrigens riesengroß, niemals überfüllt und wird zweimal die Woche geleert. Krasser Gegensatz zu meinem 35-l-Mülltönnchen mit 14-tägiger Abholung im Winzerdorf!

Ausreichend große Container und funktionierende Abfuhr sind wichtig, damit man im Alltag jederzeit Altes, Belastendes oder nicht mehr Notwendiges loslassen kann.

Dieser Aspekt gehört zur dritten Facette von Sicherheit, die die neue Wohnung mir bietet:

Die Sicherheit, mich hier kontinuierlich wohlzufühlen, wirklich ankommen zu wollen und zu können. Das ist mit meiner Reizfilterstörung nicht einfach. Diese hochsensible Wahrnehmungsfähigkeit all meiner Sinne kann ich nicht abstellen. Mir ist schnell alles Mögliche zu viel, zu nervig, zu laut, zu hell, zu eng, zu irgendwas. Eine Wohnsituation, die für jemand anderen einfach nur schön und ideal wäre, bedeutet für mich eine Gratwanderung zwischen den Polen 'meistens akzeptabel' und 'überwiegend unerträglich'.

So auch hier. Die neue Wohnung ist hell, im Haus ist es relativ ruhig. Die nächsten Häuser sind weit genug weg, niemand kann mir direkt in die Fenster gucken. Meine Aussicht geht wieder nach Westen, ich kann jeden Tag mit einem Sonnenuntergang beenden.

Nur mit dem Unterschied, dass ich am Horizont nicht mehr die sanft geschwungene Linie der Weinberghügel sehe. Statt dessen versinkt die Sonne hinter der schnurgeraden Kante anderer Plattenbauten. Einer davon ist das Sonnenblumenhaus, das bei den ausländerfeindlichen Ausschreitungen im August 1992 traurige Berühmtheit erlangte.

Aber das ist lange her, und es gibt nun wirklich optisch Schlimmeres, als eine Neubau-Skyline in mehr als 200 Meter Entfernung hinter einem breiten Grünstreifen, in dem sich sogar alte Obstbäume befinden.

Mittwoch, 23. September 2015

Things change.

Da bin ich wieder. Mit neuer Aussicht und einmal quer durch die Republik gezogen – 1001 km waren es diesmal, von Westsüdwest nach Ostnordost.

Für 2014 hatte ich mir vorgenommen:
"Ich muss ans Meer. For good! In diesem Jahr noch mach ich's wahr."

Strandkörbe an der Warnow

2014 war voll mit den Vorbereitungen. Aber in 2015 hab' ich's tatsächlich wahr gemacht, hab's geschafft und bin ans Meer gezogen.
Seit Anfang des Jahres lebe ich nun an der Ostsee und höre täglich die Möwen rufen.

Wie es dazu kam, warum das alles und wie es mir letztlich gelungen ist, mir diesen Lebenstraum zu erfüllen (und auch über einiges von dem, was in der langen Pause passiert ist) – dazu demnäxt mehr, denn mein neues Leben braucht nicht nur ein neues Bett, sondern auch ein neues Blog:

Das bisherige 'Büro für besondere Maßnahmen' wurde umbenannt in "Büro für besondere Maßnahmen / Südwest". Es wird nicht weiter aktualisiert und bleibt als Archiv erhalten.

Im neuen Leben bin ich inzwischen einigermaßen angekommen und eröffne hiermit nun feierlich das neue "Büro für besondere Maßnahmen / Nordost", mit angepasstem Untertitel:

Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. 
Denn irgendwas is' immer ...
[Life is a bitch beach. Oder: 
Über die WIRKLICH wichtigen Dinge im Leben einer Frau]

Ab sofort wird es hier möglichst einen Text pro Woche geben. So wie früher mal, in meinen Blog-Anfängen 2009. Einiges werdet ihr wiedererkennen, anderes mag neu erscheinen. Denn auch, wenn ich den äußeren Rahmen sehr verändert habe - so bliebe ich doch innerlich ich selbst, bin immer noch mein eigener Mensch und die Frau meines Lebens, meiner Maxime treu und bleibe mein eigenes Überraschungspaket.

Things change. Verlasst Euch auf nix!


Fürs erste nur kurz: Es geht mir wundergut. Und Katze Ginivra ebenso.
Fortsetzung folgt .... ;-)