Montag, 13. Februar 2017

Bewerbung mit Online Assessment

Neuerdings bin ich ja mal wieder mit Stellensuche beschäftigt.

Die gestaltet sich bei mir – trotz bester Qualifikation mit Studium, abgeschlossener Ausbildung, vielseitigen Kompetenzen und jahrzehntelanger Berufserfahrung im In- und Ausland – nicht ganz einfach. Es scheint nichts so recht zu passen. Oder: Ich scheine nirgends hinzupassen mit meinen diffusen Über-, Unter- und Querqualifikationen. Dass ich auch noch hochbegabt bin, erwähne ich schon gleich gar nicht mehr.

Porzellanrosa Hoffnungsschimmer: Eistulpen

Es gibt wenig Stellen für eine wie mich. Noch weniger Stellen gibt es, wenn eine wie ich (aus gesundheitlichen Gründen) nur Teilzeit arbeiten kann.

Qualifizierte Stellen für kreative Köpfe mit empfindsamen Seelen sind dünn gesät, nicht nur hier oben im Nordosten der Republik. Aber hier noch seltener.

Der medial herbei beschworene ‚Fachkräftemangel‘ beschränkt sich auf schlecht bezahlte Positionen in Callcentern, Reinigungsfirmen, Gastronomie, Hotellerie, Pflegekräfte. Entsetzlich viele Zeitarbeitsangebote.

Das Prädikat „angemessene Vergütung“ ist meist gleichbedeutend mit „Mindestlohn“. Also 8,84 Euro die Stunde seit dem 01.01.2017; der Mindestlohn – ursprünglich gedacht für unqualifizierte Aushilfen, Praktikanten etc. – ist zum Einheitslohn geworden. Zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Der holt dich nicht mal aus Hartz IV, verdammt dich zum ewigen Aufstocken mit ALG2. Politisch so gewollt. Wer Hunger hat, macht keinen Aufstand.

Teilzeit ist quasi gleichbedeutend mit ‚unqualifizierter Niedriglohnsektor‘. Gerade so, als ob eine auf halber Stelle plötzlich nicht mehr denken und keine Verantwortung übernehmen könnte. Als Frau sowieso nicht. Sobald eine Arbeit von Frauen erledigt werden kann, ist sie in diesem Land offensichtlich nur noch die Hälfte wert. Beim Gender Pay Gap liegt Deutschland ganz weit vorne. Beim Mindestlohn ganz weit hinten. Auch das ist politisch so gewollt.


Bei meiner vorletzten Bewerbung waren immerhin 15 Euro Stundenlohn in Aussicht gestellt. Lächerlich wenig, für die Gegend hier allerdings schon gehoben. "Was mit Touristen" im Seebad Warnemünde, halbe Stelle, flexible Arbeitszeiten. Wobei ‚flexibel‘ natürlich bedeutet, dass ich als Arbeitnehmerin mich flexibel nach den Bedürfnissen des Arbeitgebers zu richten habe. Nicht etwa ungekehrt! Also  in der Sommersaison bei schönstem Badewetter auch mal flexibel 40 Wochenstunden oder mehr; im Winter, wenn draußen sowieso nasskalt-deutschgraues Rheumawetter  ist und man die Freizeit nicht genießen kann, flexibel fast gar nicht.

Klang trotzdem ganz passabel. Man muss ja nehmen, was man kriegen kann. Sagt zumindest das Arbeitsamt.

Mit meiner Online-Bewerbung gelangte ich in die erste Runde: Telefonisches Vorstellungsgespräch mit der Mutterfirma im Rhein-Main-Gebiet. Ich durfte ad hoc Kopfrechnen. Fernmündlich, zack! Alles richtig, bestanden.

Als nächste Runde wurde mir ein persönliches Gespräch in Aussicht gestellt mit den Verantwortlichen vor Ort. Statt dessen erhielt ich aber zunächst per E-Mail die Einladung zu einem Online-Assessment, also einem Persönlichkeitstest. Quasi wie der Brigitte-Psychotest – aber nicht gemütlich privat und geheim auf meinem Sofa, sondern auf einem Industrie-Server für immer gespeichert und via Datenautobahn für viele erreichbar.

Erst auf Nachfrage erfuhr ich: Man wolle meine Zuverlässigkeit, Stressresistenz und Kundenorientierung testen. Zugriff auf die Ergebnisse sollten "nur" die HR-Abteilung erhalten, meine persönlichen Vorgesetzten und der Betriebsrat. Aha. Ich nicht. Oha.

„Antworten Sie einfach mit Ja oder Nein, es gibt keine falschen Antworten, das Ganze dauert nur fünf Minuten.“

Wenn es denn sein muss, dachte ich, und klickte mich in das Procedere. Erst einmal wurde von mir verlangt, ein komplettes, ausführliches Profil anzulegen. Mit durchaus sehr persönlichen Angaben. Ich wollte nicht, dass meine potentiellen zukünftigen Arbeitgeber so viele Daten über mich sammeln. Auch die Testfirma ging das alles nichts an. Wieso konnte ich den Test nicht anonymisiert durchlaufen mit persönlicher Teilnehmernummer? Was wollten die mit Alter, Geburtsort und Schuhgröße?

Ohne diese Angaben ging der Test aber gar nicht erst los. Also zähneknirschend klein beigegeben. Schließlich hatte ich doch irgendwie zu diesem Zeitpunkt ein noch zumindest vages Interesse an der Stelle. Es waren bereits gute zehn Minuten vergangen.

Dann sah ich mich mit mehr als 70 (in Worten: Siebenzig!) Aussagen konfrontiert, und bei jeder sollte ich – natürlich ohne langes Nachdenken – angeben, ob der jeweilige Satz für mich zutrifft oder nicht. Gleich die erste Frage ließ mich stutzen:

„Manchmal wäre ich gerne jemand anderes.“ Trifft zu oder trifft nicht zu? Ahoi! Die Antwort würde ich eventuell mit meiner Therapeutin besprechen, aber doch nicht mit einem Arbeitgeber!

Es ging weiter mit ähnlich kompromittierenden Sätzen über meine mentale Verfassung:

No. 7 „Ich vertraue Menschen nur, wenn ich sie gut kenne.“ Wie durchschaubar ...

No. 12 „Ich rege mich über Probleme mehr auf als meine Freunde.“ … und manipulierbar!

Bei No. 20 „Ich achte selten auf mein Äusseres.“ fühlte mich in meiner Intelligenz beleidigt, kämpfte mich aber noch ein Stückchen weiter bis zur

No. 26 „Viele der Dinge, die ich mache, sollte ich eigentlich nicht tun.“

Da wollte ich natürlich „Trifft nicht zu.“ ankreuzen. Um das reinen Herzens tun zu können, brach ich den Test an dieser Stelle ab - er gehörte eindeutig zu den "Dingen, die ich eigentlich nicht tun" sollte. Nicht nur, weil schon mehr als eine halbe Stunde vergangen war und ich es für ein absolutes K.-o.-Kriterium halte, wenn andere mit meiner Zeit verschwenderisch umgehen.

Vor allem aber beendete ich den Test an dieser Stelle, weil niemand zur Antwort auf solche höchst persönlichen Fragen gezwungen werden sollte. Nicht von einer nahestehenden Person und erst recht nicht von einem potentiellen Arbeitgeber. Was geht die Bank das an, was ich in meinem Innersten denke, ob ich mich mal mit einem Lehrer gezofft habe oder ob mich manchmal Selbstzweifel plagen?

Nichts. Rein gar nichts. Ich klickte „Alles auf Anfang“ und beendete das hochnotpeinliche Internetverhör ohne weitere Erklärungen. Ein paar Wochen später erhielt ich auf meine Bewerbung die übliche Absage „bla³ … trotz vielseitiger Qualifikationen … bla³“. Ich war sehr erleichtert. Für einen Arbeitgeber, der mich durch solch einen geradezu faschistoiden Optimierungstest schickt, kann und will ich nicht arbeiten.

Ein Freund von mir sah das lockerer: „Da darfst du lügen. Das ist wie wenn du im Bewerbungsgespräch gefragt wirst, ob du schwanger bist.“ Ich wollte aber nicht lügen müssen. Das sehe ich nicht als eine Grundlage für eine gute Zusammenarbeit in einer Vertrauensposition, in der täglich sehr viel Geld durch meine Hände geflossen (aber nicht daran hängen geblieben) wäre.

In dem Kassenhäuschen direkt neben der stinkigen Fischräucherpommesbude hätte ich mich ohnehin zu Tode gelangweilt. Inhaltlich. Energetisch wäre ich vermutlich total überfordert gewesen, mit unzähligen Kreuzfahrt- und anderen TouristInnen täglich.


Wer sich für den kompletten Einstellungstest interessiert, hier habe ich alle Fragen zum Download bereitgestellt. Die Auswertung überlasse ich eurer einfühlsamen Phantasie. Der Test ist gedacht „für die Optimierung der Auswahl folgender MitarbeiterInnen: Aushilfen, MitarbeiterInnen für Nebenjobs, Zeitarbeit, Personal für Gewerbe, Handwerk und Gastronomie, Auszubildende“ und kostet im Internet inklusive Auswertung pro BewerberIn rund 30 Euro.

Samstag, 28. Januar 2017

Auch Akoholiker waren Opfer des Nationalsozialismus

Gestern während der Tagesschau ging es mir so durch den Kopf, als ich die Bilder der Gedenkfeier in Berlin sah – zum 72. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz – bei der in diesem Jahr das 'unlebenswerte Leben' Thema war.

Blick vom Frauen-KZ Ravensbrück auf den Schwedtsee / Fürstenberg

'Unlebenswertes Leben' waren im Nazi-Jargon "sogenannte Erb- und Geisteskranke, Behinderte und sozial oder rassisch Unerwünschte". 

Also nicht 'nur Juden und Zigeuner', auch sozial schwache, kinderreiche Familien, uneheliche Mütter, chronisch Kranke, psychisch als ‚labil‘ geltende Menschen, Alkoholiker und viele andere galten als asozial, waren damit unerwünscht und wurden der "Vernichtung durch Arbeit" zugeführt. (Hier mal die Wikipedia dazu Asoziale im Nationalsozialismus)

Die Konzentrationslager waren nur die letzte Station, sogenannte "Asoziale" waren auch gesellschaftlich geächtet, wurden für medizinische Experimente missbraucht und kamen nach Meinung der 'stramm-deutschen' Bevölkerung völlig ‚zu Recht‘ ins Lager. *


Warum schreibe ich das jetzt?

- Zum einen, weil ich familiär betroffen bin:
Der Vater meiner Mutter hatte Diabetes, also eine unheilbare Erbkrankeit (damit galt in der Nazi-Zeit die komplette Familie als asozial), er wurde während einer Behandlung im Krankenhaus von den Nazis gestorben.

- Zum anderen, weil auch ich selbst in der Nazi-Zeit als Asoziale eingestuft worden wäre:
Als Alkoholikerin sowieso, egal ob trocken oder nicht - und vermutlich auch aus anderen Gründen. Ich habe dem Staat weder Kanonenfutter noch Rüstungsfabrikarbeiterin geboren, und obendrein bin ich schrecklich eigensinnig und vermutlich noch 'Schlimmeres'.

Das alte, faschistoide Denken sitzt bis heute fest in den Köpfen vieler Menschen. Zum Glück nicht in allen. Trotzdem: Vielen ist es gar nicht bewusst, die Verachtung giftet unterschwellig.

Alkoholismus ist in Deutschland seit 1968 eine anerkannte Krankheit. Die WHO war früher schon so weit (1952) aber in Deutschland können wir das 50-jährige „Jubiläum“ der Alkoholkrankheit erst nächstes Jahr feiern.

Diese 'nüchternen' Zahlen haben auch mit mir zu tun. Als ich als kleines Mädchen anfing, Alkohol zu trinken, war ich (nach alter Nazi-Definition) noch 'asozial'. Das hat bloß keiner gemerkt. Als 6-jährige galt ich - von den Erwachsenen liebevoll "kleine Schnapsdrossel" genannt - dann als 'krank'. Das hat bloß auch keiner gemerkt.

Ich trank weiter bis 1999, und irgendwie wollte es immer noch keiner so recht merken. Wer hat schon gerne eine ‚asoziale‘ in der Familie? Oder gar im Freundes- oder KollegInnen-Kreis?
Auch ich selbst wollte es lange Jahre nicht so recht wahr haben, obwohl ich schon ziemlich genau wusste … aber ‚asozial‘ war ich doch nicht. Ach nein. Ich habe es versteckt und weiter getrunken. Lange Jahre erfolglos versucht, mir den SektWeinGrappaMetaxa alleine abzugewöhnen.

Das finde ich schlimm: Dieses alte Denken trug schon damals und trägt noch heute dazu bei, die Krankheit zu vertuschen, sich nicht rechtzeitig Hilfe zu holen, sich mehr zu schämen und mehr Angst vor einer Behandlung zu haben als notwendig ist.

Als ich endlich aufhörte, habe ich mich in Grund und Boden geschämt. Nur ganz wenigen Eingeweihten habe ich anfangs davon erzählt. Als Noch-Trinkende hatte ich mich nicht so sehr geschämt. Trinken war (ist?) anerkannter als Nichttrinken. Auch wenn viele eine gegenteilige Meinung beteuern.

Trinkend habe ich 'bestens' funktioniert. Der Alkohol hat mir geholfen, die Welt auszuhalten. Heute 'funktioniere' ich nicht mehr so reibungslos: Nüchtern kenne ich mich und meine Grenzen besser und achte auf deren Einhaltung.
Das ist für andere bisweilen unbequem.

Nach rund zwei Jahren stabiler Abstinenz ging ich mit meiner - stillgelegten - Alkoholsucht sehr offen um. Beruflich habe ich mir damit keinen Gefallen getan. Mit der Härte der Reaktionen hatte ich nicht gerechnet.

Selbst heute, nach 17 Jahren ohne Alkohol erlebe ich immer wieder angewiderte Blicke, mir wird nicht mehr getraut und nichts mehr zugetraut.

Es ist längst nicht alles gut in meinem Leben, bloß weil ich keinen Alkohol mehr trinke. Ich stehe zu meiner Entscheidung von damals. Sie bleibt die Grundlage dafür, dass mein Leben besser werden kann.


+++ cut +++


Das waren so meine Gedankengänge, zum Gedenktag.

Mit Entsetzen stelle ich fest, dass ich diese alte Meinung, als Alkoholikerin eine unlebenswerte Asoziale zu sein, tief in mir drin auch über mich selbst habe. Immer noch. Sie wurde mir früh in der Kindheit eingepflanzt.

Wie unendlich schwer es doch ist, sich von den alten internalisierten Botschaften zu lösen. Seit so vielen Jahren beschäftige ich mich schon damit.

Gleichzeitig trauere ich um die von den Nazis ermordeten Mitglieder meiner Familie. Und ich trauere auch um mich, die in diesen Augenblicken wieder zum kleinen Mädchen wird, zum Kriegsenkelkind, das die Nazi-Traumata der Eltern ungefiltert und unverarbeitet erzählt bekam, sich nicht dagegen wehren konnte:

Bis heute habe ich nicht nur vor ÄrztInnen und in Krankenhäusern, sondern auch in allen deutschen Amtsstuben eine riesige Angst, dass die mir nicht Gutes, sondern Böses wollen.



* Exkurs

im vergangenen Jahr habe ich das Frauen-KZ Ravensbrück besucht, auf der anderen Seite des idyllischen Sees beim Luftkurort Fürstenberg an der Havel gelegen – knappe 100 km nördlich von Berlin. Es war mein ‚erstes‘ Konzentrationslager, ich war unendlich erschüttert danach. Die Ausstellung ist mit großem Wissen und akribischer, lebendiger und doch dem Sterben so erschreckend naher Detailtreue aufgebaut und angelegt. Eine persönliche Führung ist unbedingt zu empfehlen, zum Beispiel aus feministischer Sicht mit der wunderbaren Dipl. pol. Angelika Meyer. 

Frau Meyer berichtete uns, dass die Einwohner Fürstenbergs sehr wohl mitbekamen, was für Öfen da rauchten jenseits des malerisch gelegenen Schwedtsees; dass das nicht der Duft frisch gebackener Brote aus der angeblichen Bäckerei war,  der da herüberwehte; und dass Kurgäste aus Berlin sich beschwerten über den Anblick der "asozialen, ausgemergelten Gestalten" auf dem Weg am Seeufer entlang in die Zwangsarbeitsfabrik von Siemens, während sie doch auf der Kurhausterrasse ihre Cocktails lieber ohne solche Hässlichkeiten genießen wollten. Man hat dann einen Zaun aus Schilfrohr vor dem Lager aufgestellt, hinter dem die Zwangsarbeiterinnen sich entlang schleppten. Der Zaun hat der Illusion von Idylle nicht so sehr geschadet.

Einen sehr anschaulichen Augenzeugenbericht über ihre Zeit in Ravensbrück bis zur Befreiung des Lagers am 5. Mai 1945 hat die spanische Widerstandskämpferin Neus Catalá 1995 für die EMMA verfasst. Dazu klick bitte hier entlang.

Freitag, 30. Dezember 2016

Jahreszitat 2017

Same procedure as every year – seitdem ich im Jahr 2009 mit dem Bloggen begann ...
Spätestens an den kurzen Tagen, in den langen Nächten zwischen den Jahren ist es Zeit, mir für das kommende ein neues Geländer zu geben, eine Richtung, einen Schutz, eine Leitplanke, einen Trost, einen Ansporn – was auch immer mir wichtig scheint, wie auch immer ich es nennen mag: 

Es ist Zeit für mein neues „Jahresmotto“, und dieses Mal wage ich ein großes Paradox!

Warnemünde Westmole - Winterlicht

Die geduldigen Bratkartoffeln in 2016 haben mich nicht sonderlich weitergebracht, aber immerhin dabei geholfen, mich im neuen Leben weiter zu erden; Tag für Tag und Schritt um Schritt mehr anzukommen in einem Land, das zwar zu Deutschland gehört, aber noch längst nicht meine Heimat ist.

Denn, so sehr ich das nahe Wasser auch liebe, trotz alledem fühle ich mich am neuen Ort immer noch unendlich verloren, so gnadenlos ist der Beton, so eiskalt der Nordosten.

Wie zur besseren Bodenhaftung habe ich vier Kilogramm zugenommen in den letzten zwölf Monaten. Das ist nicht weiter tragisch, nachdem ich 2013/2014 mehr als 25 kg abgespeckt hatte. Aber fürs nächste Jahr will ich wieder leichter sein. Ich will fliegen lernen!

Wann immer ich die Kitesurfer sehe an meinem ‚Hausstrand‘ in Warnemünde, denke ich sehnsüchtig: DAS will ich auch können. Es ist beileibe keine Frage des Gewichts, sondern eine von Übung, Mut, Ausdauer und Koordinationsvermögen (nur nachrangig auch eine finanzielle). Noch träume ich von einer SeniorInnenversion des Anfängerkurses 'Drachenreiten für ambitionierte alternde Damen'. Bis es den gibt, habe ich hoffentlich auch das Geld dafür zusammengespart.

Materiell hingegen habe ich mich weiter minimiert, habe mich ein weiteres Jahr lang (nun schon das dritte!) fast täglich von alten Dingen getrennt und damit auch von meinem bisherigen Leben, von meiner Jugend. Ich habe losgelassen und Ballast abgeworfen. Habe bestmöglich Raum geschaffen in dieser Winzwohnung und mir Luft gemacht. Es war immer noch nicht genug, es ist immer noch zu viel altes Zeug da. Diese Aufgabe bleibt mir in 2017 erhalten.

Das merke ich vor allem daran, dass mir das Atmen nicht so recht gelingen will. Ich kriege einfach nicht richtig Luft. Nicht einmal, wenn ich die schöne See sehe. Wie enge Klammern liegt das schwierige schwere Leben um meine Lungen, gerade so wie die eisernen Ketten von Heinrich, dem treuen Diener des verwunschenen Froschkönigs. Das Einatmen stockt und lässt mich husten, beim holprigen Ausatmen breche ich in Tränen aus.

Fliegen lernen allein reicht also nicht. Ich muss fliegen lernen und mich gleichzeitig erden. Ich muss Vertrauen lernen und loslassen trotz aller Panik, einmal mehr in meinem Leben hart aufzuknallen. Mit welch leichtem Leit-Gedanken im Kopf mir das gelingen könnte – darüber habe ich lange gebrütet.

Erst dachte ich, es könnte funktionieren mit ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘ von Douglas Adams. Der ließ Ford Prefect über das Fliegen sagen: „Es ist eine Kunst, oder vielmehr ein Trick zu fliegen. Der Trick besteht darin, dass man lernt, wie man sich auf den Boden schmeißt, aber daneben.“

Für den Anfang und zum Üben aus geringer Höhe ist das vielleicht gar nicht so schlecht. Schlecht ist allerdings, dass der Boden quasi der Feind des Fliegens bleibt. Das kann ich nicht brauchen, denn ich will mich ja gleichzeitig erden!

Doch dann fand ich – quasi in letzter Minute des alten Jahres – noch ein Zitat der von mir so verehrten Hilde Domin:

„Ich setzte den Fuß in die Luft – und sie trug.“

So kann es gehen, mein wagemutiges Paradox! Die Luft selbst soll mein Boden sein, mich neue Schritte wagen lassen und neue Wege möglich machen - ohne dass ich mir gleich den Hals breche.

Ich geh dann schon mal üben. Spätestens Ende des Jahres werde ich darüber berichten, ob und wie mir das gelungen ist.

Euch allen ein erfreuliches, ein gutes Neues Jahr 2017!

Montag, 31. Oktober 2016

Die Teilzeitstelle

- oder: Fachkraft in McPomm -

Heute läuft mein Arbeitsvertrag aus. Ab morgen bin ich wieder vollzeit-erwerbslos.

Seit Anfang August hatte ich diesen Arbeitsplatz in einem kleinen Kunst&Schmuck-Museum im Seebad, zwanzig Stunden Teilzeit an drei bis vier Arbeitstagen die Woche inklusive Wochenenddiensten. Für die Touristen.

Herbstsonne im Seebad
Drei Monate war ich dort, der Vertrag war befristet. Ich war vielsprachige, kompetente und immerfreundliche Verkäuferin, Galeristin, Museumswärterin, Information, Besucherführung, Sicherheitsbeauftragte – alles in Personalunion, immer allein anwesend und für alles verantwortlich. Diese kollegInnenfreie Einsamkeit war für mich schwer auszuhalten.

Bei Vertragsabschluss hatte es die Inaussichtstellung einer Verlängerung gegeben (man wollte mich ködern). Müsse aber erst einmal abwarten, wie das Geschäft so läuft. Ich stimmte den nicht gerade arbeitnehmerfreundlichen Konditionen zu. Vorerst. 

Die Verlängerung ergab sich nicht. Zu wenig Umsatz. Da rechnet sich das Personal nicht. Über den Winter bis mindestens Ende März bin ich freigestellt. Ob ich dann wieder dabei sein soll oder will, ist fraglich.

Also darf vorerst das Jobcenter wieder in vollem Umfang für mich sorgen. Das finde ich zum Kotzen. Aber ich finde hier einfach nix! Nicht, dass diese halbe Stelle mich zumindest kurzzeitig ganz vom Jobcenter befreit hätte, ich musste sowieso ‚aufstocken‘.

Das Gehalt lag knapp über dem Mindestlohn (Mindestlohn aktuell 8,50 €/h, ab 01.01.2017 8,84 €/h). Das bedeutet: Im Jahr 2016 erhalte ich für die Arbeitsstunde einen Bruchteil dessen, was ich vor gut dreißig Jahren, Mitte der 1980er Jahre, als Studentin verdient habe.

Der Mindestlohn wurde 2015 eingeführt für Praktikanten und ungelernte Kräfte oder Tätigkeiten, die keine besonderen Kenntnisse und Ausbildungen erfordern. Dachte ich. Hier und heute in Deuschland (sicher nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern) aber heißt Mindestlohn „Einheitslohn“. Quasi für alle. Egal, ob mit oder ohne Ausbildung, ob Studium oder keines.

Wenn das Gehalt zum Leben nicht reicht, kann man ja ergänzendes Arbeitslosengeld II beantragen. Muss sich dann dafür vom Jobcenter schikanieren lassen, wird dort wie ein Mensch letzter Klasse behandelt. Würdelos. Demütigend.

Warum müssen eigentlich nicht die Arbeitgeber den Zuschuss beantragen, wenn sie so schlecht wirtschaften (bzw. dermaßen viel Gewinn abschöpfen), dass sie ihre Angestellten nicht angemessen entlohnen können?!

„Früher war alles besser!“ – diesen Spruch kann ich mir an dieser Stelle einfach nicht verkneifen. Aber die Zustände auf dem Arbeitsmarkt machen mich wirklich fassungslos.

Von meinen Teilzeitstellen habe ich früher locker leben können. Bin nicht reich geworden, aber für mich alleine – also eine kleine Wohnung, ein kleines Auto, Katzenfutter, mal auswärts essen gehen oder ins Kino, mindestens eine Urlaubsreise jedes Jahr – hat es immer gereicht.

Heutzutage muss ich froh sein, wenn ich für meine Arbeit überhaupt Geld bekomme. Am liebsten hätten mich alle im Ehrenamt und zwar so, dass ich noch draufzahle, dass ich Fahrtkosten und Büroausstattung noch selbst trage. Dann loben alle mein Können und meine Erfahrungen, meine Kenntnisse und Kompetenzen, meine Expertise und die weltgewandten Umgangsformen.

Aber wehe, ich will Geld sehen für meine Arbeit!

Dann wird man abschätzend angesehen wie ein giftgrünes Wesen aus einer feindlichen Galaxie. Geradezu so, als ob es unanständig sei, wenn man darauf angewiesen ist, mit eigener Arbeit sein Geld verdienen zu müssen.

Sobald ich darauf hinweise, dass es nicht kostenlos geht und dass ich erst recht nicht draufzahlen möchte, meldet man sich einfach nicht mehr bei mir. Auch das ist – mit Verlaub – zum Kotzen.

Also muss ich froh sein, wenn ich überhaupt einen Lohn erhalte. Obwohl ich eine Frau und schon über fünfzig bin! Zu höchst unterwürfiger Dankbarkeit aber scheine ich verpflichtet, sobald man mir  ein paar Cent mehr gibt als den Mindestlohn.

Dafür habe ich studiert, war lange im Ausland, spreche fünf Sprachen, bin vielseitig ausgebildet und zertifiziert und in meinen Fähigkeiten breit aufgestellt.

Um überhaupt eine Arbeit zu haben, unterschrieb ich den Vertrag im Kunst&Schmuck-Museum. Immerhin lag mein Arbeitsplatz bei schönem Wetter in Fahrradentfernung und nicht weit weg vom Meer. Ich hatte also ein klitzebisschen Wellness im Arbeitsalltag. Und: es hätte ja auch der Beginn von etwas Längerfristigem werden können.

Wurde es aber nicht. Ehrlich gesagt, bin ich da nicht traurig drum. Der Arbeitgeber hat nämlich nicht nur an meinem Gehalt gespart, sondern auch an der Ausstattung.

Den ganzen Tag sitzen? Da brauchen Sie keinen bequemen rückenschonenden Stuhl, da reicht auch ein hölzerner Hocker.

Ein Handtuch auf der Toilette? Sie können sich ja Küchentissue mitbringen.

Ein fürs geneigte Publikum nicht zugänglicher Platz für meine persönlichen Dinge? Ach legen Sie Ihre Tasche doch einfach hinten in irgendeine Ecke auf den Boden.

Einen Haken für die Jacke? Die kann ja zusammengeknüllt oben auf die Tasche …

Eine Kaffeemaschine? Wozu – die Bäckerei ist gegenüber!

Nach einem Kühlschrank habe ich gar nicht erst gefragt, geschweige denn einem Pausenraum, einer Mikrowelle … nicht mal ein bisschen Geschirr und Besteck waren vorhanden. Irgendwann habe ich sogar eigenes Toilettenpapier mitgebracht.

Ein Telefon für die täglichen Rücksprachen mit dem Chef, für Kundengespräche und die allgemeine Erreichbarkeit? Da können Sie doch Ihr Handy nehmen!

Einen Ventilator für die heißen Sommertage im August und September, wenn die Sonne den ganzen Tag die Ladenfront bescheint und man schwitzend im aufgeheizten Schaufenster sitzt? Ich habe nicht einmal gewagt, das anzusprechen.

Ab Oktober bei Außentemperaturen unter 10 °C die Heizung aufdrehen? Kommt gar nicht in Frage! Machen Sie die Türe zu, dann müssen Sie nicht frieren. Es sind genug Lampen an.

Also saß ich ein Vierteljahr lang auf hartem Hocker, im Sommer geblendet und den kalten Oktober über in ungeheizten Räumen. Mit Wollpullover, Strickjacke und Daunenweste. Jede Tasse Kaffee 2,50 €. Vom Mindestlohn blieb nicht viel übrig. Mein Konto ist in diesen Monaten im Dispokredit versunken.

Nun bin ich erst einmal wieder zu Hause und versuche, den Weg zurück in meine Mitte und einen besseren Arbeitsplatz zu finden.

Man soll ja nicht fünf Minuten vor der Morgendämmerung die Hoffnung aufgeben, dass die Nacht mal irgendwann ein Ende hat.

Samstag, 2. Juli 2016

Vaters Tod

Der Vater starb im November, am Volkstrauertag. Das war seine Art von Humor. Drunter hätte er es nicht getan.

Die Benachrichtigungs-Mail an mich am Tag darauf war kürzer als ein Tweet:
Betreff: Zur Info
Hallo mo jour,
gestern ist der Vater gestorben.
Ich weiß nicht, ob Du's wissen willst.
Schwester

Kurz und knapp. Kein wann, kein wo, kein wie. So ist das halt in unserer kranken, kaputten Familie.

Woran war er gestorben? War er krank gewesen? Hatte er lange leiden müssen? Warum hatten sie mich nicht vorher informiert, dass es zu Ende ging? Hatte er mich denn wirklich gar nicht mehr sehen wollen?

Mit der Schwester habe ich seit mehr als zehn Jahren keinen Kontakt, den Vater seit mehr als vier Jahren nicht gesehen. Auf meinen letzten Brief hatte er nie reagiert. Nun war er tot. Natürlich wollte ich das wissen.

Die Nachricht erreichte mich am anderen Ende des Kontinents, mein erster Urlaub seit Jahren, vierzehn unbeschwerte, sonnig warme Tage am südöstlichen Mittelmeer in der Türkei hatten es werden sollen.

Gedenkstein für den Vater
Ich war eher genervt als überrascht. Menschen sterben nun mal irgendwann. Der Vater war 83 Jahre alt geworden. Ein gesegnetes Alter. Nun hatte er den Planeten verlassen. Aber musste das ausgerechnet jetzt sein? Das war nicht der erste Urlaub, den er mir verdorben hatte, jetzt auch noch einen im Abgang.

Die Sonne schien unverändert. Das Meer war unverändert blau. Mein Urlaub … ging einfach weiter.

Meine Trauer um den alten Mann war nicht sonderlich groß. Ich hatte ihn nie gemocht. Als Kind hatte ich Angst vor ihm, vor seiner mich überfordernden Gleichgültigkeit, vor seiner schmerzhaft sarkastischen Ironie.

Er wollte niemals wissen, wer ich wirklich war oder geworden bin, sondern hat mich – wie auch die Mutter – immer nur abgeglichen mit seiner Schablone von der bestmöglichen Idealtochter. Schließlich war ich ein „Wunschkind“ - also hatte ich dem Wunschbild gefälligst zu entsprechen. Leider war ich niemals gut genug.

Ich rächte mich auf meine Weise: Wenn ich ihm als Tochter nicht gut genug war, dann war eben auch er als Vater für mich ungenügend. Ich verwandelte meine Angst vor ihm in widerwilligen Ekel, später in Hass. In meinen Augen war er ein furzender Fettsack, übergriffig und peinlich.

Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn als „gute Tochter“ hätte ich ihn ja lieben können müssen. Es ging nicht. Im Fach „Vaterliebe“ versagte ich kläglich.

Dabei waren wir uns wohl ziemlich ähnlich. Man hatte mich schon als kleines Mädchen zur „Vatertochter“ erklärt. Jedes Mal, wenn die Mutter das zu mir sagte, hasste ich den Vater noch ein Stück mehr. Er war Schuld, dass ich keine Mutter hatte. Denn aufgrund meiner – zunächst äußerlich erkennbaren – Ähnlichkeit mit dem Vater schien sie sich für mich nicht mehr zuständig zu fühlen, wandte sich lieber der jüngeren Schwester zu, die mehr ‚ihr Ebenbild‘ war.

Meine Ähnlichkeit zum Vater war nicht nur äußerlich. Vermutlich habe ich seinen Genen nicht nur mein blitzgescheites Hochleistungshirn zu verdanken, sondern auch sämtliche „autistischen“ Züge, diese entsetzliche Empfindsamkeit, das lästig schnelle Verletzt- und Gekränktsein. Wir haben nie darüber gesprochen. Damals wusste ich das noch nicht, und der Vater hatte vermutlich selbst keine Ahnung, was er da an der Backe und mir vererbt hatte.

Er war Kriegskind und Kriegsenkel, beides zugleich. Auch was es damit auf sich hat, lernte ich selbst erst vor kurzem. Seine Stukas zerbomben meine Alpträume bis heute.

Wir haben die ersten achtzehn Jahre meines Lebens in derselben Wohnung verbracht, aber wir kannten uns nicht.

Als mich die Nachricht von seinem Tod erreicht, im Urlaub am Meer, nach dem Abendessen, bin ich dennoch sehr traurig und verwirrt.

Die Tränen rinnen mir pausenlos übers Gesicht. Dabei trauere ich gar nicht so sehr um den Vater – er war ja schon seit Jahrzehnten nicht mehr in meinem Leben. Ich trauere bis heute über die verpasste Gelegenheit: Endgültig die Chance vertan, vielleicht doch noch einmal einen Menschen in meinem Leben zu haben, der die Bezeichnung „Vater“ auch nur ansatzweise verdient hätte. Endgültig nun die Gewissheit, dass das niemals gut werden wird mit uns. Dabei hatte ich es so oft versucht und mir immer wieder aufs neue Mühe gegeben. Vergeblich. Er wohl auch, vermutlich, auf seine unbeholfene Art. Ebenso vergeblich. Wir fanden nicht zueinander.

Ich trauere um mich, um das nicht gesehene Mädchen, das sich immer und immer im Leben so verlassen, so hoffnungslos verloren fühlt, ein emotionales Waisenkind von Anfang an. Selbst jetzt noch, mit halbe Hundert plus – und keine Rettung in Sicht.

Es kam nicht in Frage, dass ich meinen Urlaub abbrach. Jetzt war sowieso nichts mehr zu retten. Aber eine Abschiedszeremonie musste her, irgendwie musste ich meinen Schmerz verknuspern, wenn ich die restlichen Tage meiner Reise noch ansatzweise genießen und Kraft für meinen deutsch-anstrengenden Alltag sammeln wollte.

Also machte ich eine Pilgerfahrt mit dem Bus nach Side zum großen Heiligtum, zum Tempel des Apollon, Gott der Heilung und des Lichts. Einen kreisrunden Kieselstein hatte ich gefunden, ganz gleichmäßig und von schönem Silbergrau: handtellergroß wie ein Hamburger, porös war er wie ein Bims und fühlte sich ganz weich an.

Ich wusste, dass auch der Vater in der antiken Hafenstadt gewesen war, den Tempel kannte und den Ort direkt am Wasser mit der schönen Aussicht ins grenzenlose Blau sicher gemocht hatte.

Ein guter Platz in meinen Augen, an dem ich all meinen Schmerz lassen und loslassen konnte: Der löcherige Gedankenstein würde all meine Tränen aufsaugen wie ein Schwamm, ganz egal wo ich war, von woher auch immer ich ihm meinen Kummer sandte.

Den Vaterstein legte ich – geschmückt mit einem ‚blauen Auge‘ gegen den bösen Blick und einem roten Bougainvilleenzweig – Apollon zu Füßen auf eine der Portalsäulen.

Dort ließ ich meinen Vaterschmerz, dorthin denke ich ihn bis heute, wenn mir die Tränen wieder einmal hochkommen.

Gleich neben Apollon stand der größere Temple für Athene. Zu der ging ich hinüber nach meiner kleinen Abschiedszeremonie, brachte ihr eine duftende Rose – und wir palaverten von Frau zu Frau wie das so ist, mit den Vätern, dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

Zur Stärkung der Mitte gab es frischen Pflaumenkuchen mit Buttercreme im Kaffeehaus am Fluss.

Es war sehr still, sehr friedlich und sehr gelassen in mir, als ich mich erschöpft auf den Rückweg machte.

Das war bei weitem nicht meine erste Schattenarbeit, und ich bin noch lange nicht fertig.